Mirko Bonné – Nie mehr Nacht

bonneEin einsamer, trauriger Mann, rauchend, Blick aufs Meer… die Melancholie ist diesem Roman schon auf dem Cover anzusehen. Und der Titel verspricht das Gegenteil: “Nie mehr Nacht”, also nie mehr Dunkelheit, nie mehr Trauer.

Der Protagonist dieses Romans heißt Markus Lee, ist Zeichner – und hat vor einigen Monaten seine Schwester durch Suizid verloren. Nun ist er mit Jesse, dem Sohn seiner Schwester unterwegs in die Normandie, in ein altes, baufälliges Hotel. Dort machen Jesses bester Freund mit seiner Familie Urlaub – eine Kombination aus Vogelbeobachtung, Urlaub in einem großen Hotel, im Gegenzug für leichte Instandhaltungsarbeiten.

Markus´ Auftrag, der ihn in die Normandie führt, lautet, die Brücken zu zeichnen, die bei der Landung der Aliierten so heftig umkämpft wurden. Doch der Weg in die Normandie an der Seite des Menschen, der ihm trotz seiner Nähe zur Mutter immer ein wenig fremd blieb wird für Markus zu einem Weg in die Auflösung. Er wirft Ballast ab, trennt sich stückweise von seinen Besitztümern. Und als die Familie mitsamt Jesse wieder zurück in die Heimat fährt, bleibt er alleine in diesem Hotel, das wohl bald abgerissen werden soll.

Ein Foto, zufällig in einem Laden entdeckt, bringt ihn noch mehr ins Grübeln – zwei Frauen sind darauf zu sehen, gelöst, glücklich – und er ist sich sicher, dass eine davon seine tote Schwester ist. Die Begegnungen, die er auf der Suche nach dieser Frau macht, führen ihn immer stärker auf sich selbst zurück; und mit der Zeit und der Aufarbeitung der Themen, die er sich lange nicht selbst einzugestehen vermochte, kommt auch die Hoffnung auf einen Neuanfang zurück.

Was mir an diesem Roman besonders gut gefallen hat, ist die Sprache. Bonné malt Bilder mit Worten, er fängt Stimmungen ein (gerade das Melancholische gelingt ihm dabei besonders), er lässt die feinen Schwingungen zwischen Menschen mit wenigen Worten auch uns Leser fühlen. Es gelingen ihm ausdruckstarke Szenen, die einzelnen Handlungsfäden sind jeder für sich genommen vielversprechend.

Und obwohl so vieles an diesem Buch stimmt und mir wirklich gut gefällt, empfinde ich den Roman insgesamt gesehen als nicht ganz stimmig. Für mich passten manche Aspekte nicht so recht zusammen, und das verstärkte sich, je weiter die Handlung voranschritt. Der große Knall, der dann gegen Ende mit dem Aussprechen dessen, was ohnehin schon lange mehr oder weniger subtil angedeutet wurde, kam, verbesserte den letzten Eindruck nicht, im Gegenteil; als Leser wäre ich gerne bei der Vermutung geblieben. Denn nun, da alles ausgesprochen wurde, hätte ich als Leserin auch gerne eine etwas plausiblere und stärkere innere Begründung gehabt. Es fangt im Teenageralter an, aber warum? Warum bleibt es dabei, wie kann Markus einerseits so präsent sein im Leben seiner Schwester, und gleichzeitig ihrem Alltag, ihrem Sohn, so fremd?

In einer beklemmenden Szene lässt der Autor die Depression der Schwester greifbar werden, und auch, welche Hilflosigkeit das in Markus auslöst. Ich hatte Tränen in den Augen bei diesen wenigen Seiten, ich fühlte mich beim Lesen zwischen Iras Auflösungswunsch und Markus´ Hilflosigkeit gefangen. So muss Literatur sein, so echt, so gekonnt.

Doch da war Jesse ein kleiner Junge von gerade mal 3, 4 Jahren. Der Selbstmord kommt erst gut 10 Jahre später, wohl auch, weil der Konflikt und die Annäherung zwischen Jesse und Markus aus dieser größeren Reife des Jungen einfach mehr hergeben. Für mich bleibt da aber eine große Lücke; ich will beim Lesen nicht unbedingt alles auserzählt haben, aber wenn eine Handlung mit so einem Paukenschlag beginnt, und erwartet wird, dass der Schall auch zehn Jahre später noch genauso dröhnt, dann muss ich für die Zwischenzeit Verstärker einbauen.

Zu Beginn wird auch ein Konflikt mit den Eltern angedeutet, den beide in ihrer Jugend hatten, der auch ursächlich sein soll für die Probleme, die sie noch heute in Beziehungen haben. Doch auch hier bleibt es bei einer Andeutung, die dann als feststehende Begründung ausreichen muss, so erschien es mir zumindest.

Was mir an diesem Roman eigentlich fehlt, ist eine Art innere Begründung. Die Konstellation wirkt für mich ein wenig wie auf dem Reißbrett entworfen, ohne dabei den einzelnen Figuren ein wirkliches Eigenleben zuzugestehen. Für mich bleibt ein leises Unbehagen zurück; aber auch die Gewissheit, dass ich die beiden älteren Romane des Autors auf jeden Fall noch lesen möchte, denn seine Sprache war wirklich Lesegenuss.

Mirko Bonné steht mit “Nie mehr Nacht” auf der Shortlist für den deutschen Buchpreis 2013. Ob ich ihm den Gewinn wünschen soll, weiß ich noch nicht, noch kenne ich die anderen Werke nicht persönlich. Persönlich sehe ich diesen Roman nicht als “Das beste Buch 2013″ an. Doch als lesenswert empfinde ich ihn auf jeden Fall – und gerade, weil ich nicht alles als stimmig empfand, würde mich  die Meinung anderer LeserInnen hierzu sehr interessieren.

8 Gedanken zu “Mirko Bonné – Nie mehr Nacht

        • Liebe Daniela,
          ich habe eben die letzte Seite gelesen und gebe dem Buch volle Punktezahl. Vermisse jetzt schon die Vorfreude auf die tägliche Lektüre.
          Ich würde Mirko Bonné den deutschen Buchpreis von Herzen gönnen.
          Mit einem Gedicht von Emily Dickinson und lieben Wünschen für ein schönes Wochenende,
          M.

          We grow accustomed to the Dark –
          When light is put away –
          As when the Neighbor holds the Lamp
          To witness her Goodbye –

          A Moment — We uncertain step
          For newness of the night –
          Then — fit our Vision to the Dark –
          And meet the Road — erect –

          And so of larger — Darkness –
          Those Evenings of the Brain –
          When not a Moon disclose a sign –
          Or Star — come out — within –

          The Bravest — grope a little –
          And sometimes hit a Tree
          Directly in the Forehead –
          But as they learn to see –

          Either the Darkness alters –
          Or something in the sight
          Adjusts itself to Midnight –
          And Life steps almost straight.

          • Danke dir, liebe M,, dass du uns an deiner Freude hast teilhaben lassen – und auch am schönen Gedicht, das so wunderbar dazu passt!
            Schönes Wochenende noch,
            Daniela

  1. Liebe Daniela,
    ich lese den Roman gerade, mir fehlen noch etwa hundert Seiten, dann kann ich dir mehr dazu sagen. Aber in einem kann ich dir schon jetzt zustimmen: Bonnés Sprache ist wirklich sehr schön, sehr zart, sehr melancholisch. Gefällt mir ausgesprochen gut. Aber auf die (inhaltliche) Auflösung bin ich gespannt, die wurde schon in mehreren Rezensionen kritisiert…

    Herzlich,
    caterina

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