Karl-Ove Knausgård – Sterben (Min Kamp I)

knausgardAus den Archiven der LESELUST – Das besondere Buch. Damit diese Bücher im neuen Blog-Format nicht in Vergessenheit geraten, werden sie hier in den nächsten Wochen neu eingestellt. Vielleicht ist ja doch noch die eine oder andere Entdeckung für euch dabei!

‘Für das Herz ist das Leben einfach. Es schlägt, solange es kann.’ Mit diesen zwei kurzen Sätzen war mein Interesse für dieses Buch geweckt, als vergangenen Herbst die Verlagsprospekte eintrudelten. Aber ein autobiographisches Werk, das über 3000 Seiten / 6 Bände umfasst, von einem Autor, der 68 geboren wurde und ja eigentlich nichts außergewöhnliches erlebt hat? Zumindest nichts, worauf man als Leser schon im Vorfeld hingewiesen würde? Außerdem wurde in eben dieser Verlagsvorschau auch vom überwältigenden Erfolg des Werks im skandinavischen Sprachraum geschrieben – eigentlich alles eher Gründe für mich, das Buch nicht unbedingt zu lesen.

Aber da waren diese ersten Sätze, die mich sofort wie magisch angezogen hatten – und sie beinhalten auf ihre Weise schon sehr viel von dem, was das Buch für mich auszeichnet. ‘Das Buch’ – ich würde gerne Roman dazu sagen, denn man kann es getrost als solchen lesen. Die viel gestellte Frage danach, ob das Geschilderte real wäre, ob es tatsächlich passiert wäre, war für mich sehr rasch hinfällig, weil das Geschilderte in sich so wahrhaftig war.

Was ist los mit unserem Verhältnis zum Tod? Einerseits ist er allgegenwärtig, Krimis usw mit all ihren Toten boomen; doch kaum gibt es reale Tote, werden sie sofort versteckt, verborgen gehalten. Eine essayistische Passage über die biochemischen Zustände, die ein Körper nach seinem Tod durchläuft und den traditionellen Umgang damit bildet den Anfang des Buches; abgeschlossen wird es damit, dass Karl-Ove ein zweites Mal im Begräbnisinstitut seinen toten Vater aufsucht, um diesen Tod langsam tatsächlich glauben zu können.

Denn auch wenn das Buch von Karl-Ove Knausgard erzählt wird – die größte Rolle spielt darin der Vater, wenn auch häufig nur als drohender Schatten.

Es ist keine unbeschwerte, liebevolle Beziehung, die Vater und Sohn hier erlebt haben. Der Vater wird als allmächtig erlebt, als allwissend (woher weiß er, dass der Junge im Garten hinterm Haus verbotenerweise gelaufen ist, was er doch gar nicht sehen konnte?) und unberechenbar. Und es ist gerade die Tatsache, dass es auch gute Momente mit ihm gab, die ein eindeutiges Verhältnis so schwierig machen. Die Eltern trennen sich; der Vater geht eine neue Beziehung ein, hat noch einmal eine Tochter, aber vor allem beginnt er zu dieser Zeit zu trinken. Bis er sich schließlich bei seiner Mutter einquartiert und dort zu Tode säuft.

Und nun ist er, Karl-Ove Knausgard, der eigentlich aufgrund des fehlenden Vatervorbilds für sich Bedenken hatte, dieser Rolle gerecht zu werden, selbst Vater dreier kleiner Kinder, mit allen Höhen und Tiefen. Als er so alt ist, wie sein Vater bei der Trennung war, beginnt er sich immer mehr mit ihm zu vergleichen, nicht nur, weil er ihm auch optisch so ähnlich ist. Er stellt auch immer stärker Charakterähnlichkeiten fest, mit denen er sich intensiv auseinanderzusetzen beginnt – und darüber dann zu schreiben beginnt. Das Ergebnis liegt hier nun in Buchform vor.

Der Autor hat den langen Atem, seine Geschichte langsam zu erzählen. Mit vielen Details auf die Jugend zurückzublicken, ohne in der Rückschau Dinge zu beschönigen. Ich empfand es als großartig, wie er hier vor dem Leser die Banalität des Alltags ausbreitet, und dabei doch dieses ganz eigene Gefühl der Jugend, alles sei einmalig, aufregend und neu, so unverfälscht wiedergeben zu können. Im Alter von 25 hat er seine Tagebücher aus der Jugendzeit weggeworfen, weil er sich mit dem Menschen, der er davor war, nicht mehr identifizieren konnte – und die Art und Weise, wie mir als Leser dieser Gedankengang präsentiert wird, ist von einer gnadenlosen Intensität.

Knausgård ist ein exzellenter Beobachter, und für ihn ist es wesentlich, Menschen und Verhaltensweisen zu hinterfragen. Das, und nicht die Geschichte eines 68 geborenen Mittelschichtskindes ist es, was diesen langen Text für mich so lesenswert macht – seine Fähigkeit, in Beziehung zu setzen, Muster zu erkennen und sichtbar zu machen. Das verleiht diesem Buch eine Wahrhaftigkeit, die über die bloße Abbildung einer Realität hinausgeht.

Während in Skandinavien die Kritiker begeistert waren, ist das Echo hierzulande erstmal deutlich verhaltener. Geschwätzigkeit wird ihm vorgeworfen, den Lesern unterstellt, vor allem ihre Lust auf Reality befriedigt zu sehen. Auch ich tue mich schwer damit, dieses Buch uneingeschränkt zu empfehlen – dazu emfinde ich es als zu speziell. Nicht, weil es schwierig wäre – es ist im Gegenteil sehr gut auch lesbar als gut erzählter Familienroman, als Epos, als Vater-Sohn-Geschichte. Speziell ist es für mich, weil es mich auf einer sehr persönlichen Ebene angesprochen hat. Für mich ist dies ein Buch, das viel mit dem Leser selbst zu tun hat. Es gibt so viele Möglichkeiten, sich auch selbst in den Konstellationen darin wiederzufinden, es hat zumindest mich so viel zum Nachdenken angeregt, dass ich mir zwar sehr viele Leser dafür wünsche, aber zu nah dran bin, es mit objektivem Blick zu beurteilen.

2 Gedanken zu “Karl-Ove Knausgård – Sterben (Min Kamp I)

  1. Mit dem ersten Satz war ich infiziert und das Herz schlug bis zur letzten Zeile. Am Ende blieb nur die Sucht nach mehr. Freue mich schon auf das LIEBEN. Der Kampf geht weiter.

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