Das ist keine Literaturrrrr! Zum Tod von Marcel Reich-Ranicki

mr2Nie mehr wird jetzt der provokante Ausruf “Das ist keine Literaturrrrr!” zu hören sein, keine Bücher werden mehr von ihm in der Luft zerrissen, er wird keine Eklats mehr provozieren, weil er eine Kritikerkollegin als prüde verunglimpft. Denn heute wurde die Nachricht verbreitet, dass der Großmeister der deutschsprachigen Literturkritik, Marcel Reich-Ranicki, 93jährig verstorben ist.

Polemisch, publikumswirksam, charismatisch, kritisch, leidenschaftlich – das sind die Attribute, die mir zu diesem Menschen zuerst einfallen. Ich habe ihn vor allem als Leiter des Literarischen Quartetts kennen gelernt, das von 1988 bis 2001 in regelmäßigen Abständen vom ZDF ausgestrahlt wurde. Für mich, die ich damals noch in meinem kleinen Dorf gelebt hatte, war diese Sendung eine Offenbarung – wundervoll zu sehen, wie hier Menschen in gepflegter Runde über Literatur streiten, unterschiedlicher Meinung zu einem Buch sein können – auch wenn natürlich das letzte Wort immer MRR hatte, der dann gerne mit “Das ist keine Literatur” einem Buch den vernichtenden Todesstoß versetzte.

Als es dann im Literarischen Quartett zum großen Eklat kam, weil Marcel Reich-Ranicki seine (von mir im Übrigen ebenfalls sehr geschätzte) Kritikerkollegin Sigrid Löffler bei der Besprechung des Romans “Gefährliche Geliebte” von Haruki Murakami der Prüderie bezichtigte war ich sogar mal persönlich anwesend – im Leselust-Forum ist mein Beitrag von damals immer noch zu finden.

2001 erschien seine Autobiographie “Mein Leben“, die wenige Jahre danach auch verfilmt wurde. Ich persönlich mochte nicht das ganze Buch, hätte gerade von seinem Leben in Deutschland lieber von ihm erzählt bekommen als es geschriebener Form vor mir zu sehen. Sein Leben war spannend genug für mehr als einen Roman. Die Verfilmung seiner Autobiographie wird, so vermute ich, dann demnächst auch aus aktuellem Anlass wiederholt werden.

Mit Marcel Reich-Ranicki ist wirklich einer der ganz Großen im deutschen Literaturbetrieb gegangen. Möge er in Frieden ruhen – und nun vielleicht mit so einigen der von ihm geschätzten Autoren weiter lebhaft diskutieren. Dieses Bild würde mir gefallen – wenn wir hier unten uns bei einem Donnergrollen denken könnten “jetzt debattieren sie wieder, und MRR ist nicht zufrieden”.

5 Gedanken zu “Das ist keine Literaturrrrr! Zum Tod von Marcel Reich-Ranicki

  1. Sehr schöner Nachruf, Daniela!
    Ich habe es ja dir zu verdanken, daß auch ich im fernen Ausland dieses einzigartigen Menschen gewahr wurde! Durch ihn bin ich auf António Lobo Antunes aufmerksam geworden, dessen “Handbuch der Inquisatoren” ich gleich mehrere Male gelesen habe, in Maralde Meyer-Minemanns congenialer Übersetzung aus dem Portugiesischen.

    • Danke, Merisi ;-)
      ja, das wunderbare Handbuch! Das hat bei mir auch großen Eindruck hinterlassen. Und auch andere Autoren hätte ich ohne ihn nie entdeckt (bzw wären sie wohl auch in Deutschland nicht so bekannt geworden ohne das Interesse, das durch sein Lob hervorgerufen wurde). Javier Marias zum Beispiel…
      LG, Daniela

  2. Volle Zustimmung! :-)

    Lese übrigens im Moment Martin Walsers “Ein liebender Mann”. Hast du dieses Buch gelesen? Erschien bereits 2008, aber da ich während des Studiums fast das Lesen schöner Literatur “verlernt” habe, lese ich es jetzt erst. Langsam kommt nämlich die Leseleidenschaft wieder auf. Ein sehr schönes Gefühl, hatte mir gefehlt.
    Hoffe, dir geht’s gut,
    alles Liebe,
    M (weiß nie, ob alt oder neu, aria oder erisi dranhängen)
    Habe irgendwo Wiebkes wunderbare Zeilen über dich gelesen. Sie hat ja so Recht!

    • Wo ja das habe ich gelesen. Und zwar ausgesprochen gern. Ansonsten bin ich ja kein besonderes finden von Martin Walser aber dieses Buch war großartig. Gut bis auf das letzte Drittel vielleicht…

Hinterlasse einen Kommentar zu Tom Antworten abbrechen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>