Urs Widmer – Reise an den Rand des Universums

widmerUrs Widmer ist ein Autor, von dem ich zwar bereits etliche Bücher gelesen habe, den ich in meiner Wahrnehmung aber dennoch nie zu den “großen”, bekannten Autoren gezählt habe. Er hatte für seine beiden, schon autobiographisch geprägten, Bücher “Der Geliebte der Mutter” und “Das Buch des Vaters” sehr viel Beachtung erfahren. Und nun also eine Autobiograhpie, die allerdings nur die Jahre 1938 – 1968 umfasst, den Zeitpunkt zu dem er zum Schriftsteller wird, seine aktive Schriftstellerlebenszeit jedoch außen vor lässt.

Wer die oben genannten Bücher schon kennt, wird hier an mancher Stelle Bekanntes wiederfinden; aber auch aus anderen Werken kennt man zB den Zwerg. Das stört die Lesefreude keineswegs; wer jetzt allerdings denkt, schon zu kennen, was ihm erzählt wird, irrt.

Denn Widmer schreibt nun wirklich aus der Erinnerung, bemüht, möglichst genau einzukreisen, woran er sich abseits der bereits geschilderten Szenen erinnert. Und merkt dabei doch, wie trügerisch das Gedächtnis ist, dass einmal Erzähltes das tatsächlich Erinnerte überschreiben lässt.

Es gab für mich bei dieser Lektüre einige sehr berührende, schöne Lesemomente; wenn man die Angst spürt, die dieser Junge hatte, der sich zwischen einer depressiven Mutter und einem verschwendungssüchtigen Vater gefangen sieht und denkt, er kann niemals ausziehen, weil sonst alles zusammenbricht; wenn man den Jungen beobachtet, der so sehr in sich selbst flüchtet, in seine Phantasiewelt, dass er in eine völlige Starre verfällt. Auch als er dann älter wird, studiert, nach Frankreich reist, zurück in der Schweiz als Lehrer zu arbeiten beginnt und schließlich seine May kennen und lieben lernt – auch da gibt es Momente, wo man Widmer ganz verletzlich und nackt sieht.

So gerne ich diesen Roman auch gelesen habe, die ganz große Begeisterung konnte sich bei mir nicht einstellen. Zu Beginn hatte ich große Probleme damit, dass Widmer wirklich mit Erinnerungen aus dem Babyalter beginnt, und das eingeschränkte Gesichtsfeld, die noch nicht bewusste Wahrnehmung für uns Leser erlebbar machen will. Ich hege klare Vorbehalte gegen diese Art von Verkitschung, Widmer hatte es danach schwer, mich wieder auf seine Seite zu ziehen.

Er ist ein sehr guter Erzähler, der weiß, wie er seine Pointen zu setzen hat, der erzählt, als würde er einem tatsächlich gegenübersitzen und sich erinnern, zum Beispiel Namen erstmal falsch erinnern, später richtigstellen, und doch in der falschen Schreibweise belassen.

Aber er packt in das für ihn ungewöhnlich umfangreiche Buch trotzdem für mich zu viel rein – zu viele Namen, zu viele kleine Einzelbegegnungen, die in dieser Ausführlichkeit zum Teil etwas unangemessen erscheinen.

Und um meiner etwas verhaltenen Buchvorstellung noch eine enthusiastischere Meinung entgegenzusetzen, verweise ich auf den Literaturclub. Jetzt im September 2013 ist die Sendung auf alle Fälle noch in der Mediathek nachzusehen. Leider habe ich keine Ausstrahlungsdaten für 3Sat gefunden; normalerweise müsste sie etwa Anfang Oktober an einem Sonntag vormittag ausgestrahlt werden.

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