Jens Christian Grøndahl – Tage im März (Fire dage i marts)

grondahlAus den Archiven der LESELUST – Das besondere Buch. Damit diese Bücher im neuen Blog-Format nicht in Vergessenheit geraten, werden sie hier in den nächsten Wochen neu eingestellt. Vielleicht ist ja doch noch die eine oder andere Entdeckung für euch dabei!

Ingrid ist gerade dabei, sich für ein festliches Abendessen vorzubereiten, mit dem ein wichtiger beruflicher Abschluss verbunden ist, als sie einen Anruf erhält, der ihre Welt aus den Fugen geraten lässt: ihr fünfzehnjähriger Sohn wurde festgenommen, weil er, gemeinsam mit anderen Jugendlichen, einen arabischen Teenager krankenhausreif getreten hat.

Wer nun eine dramatische Geschichte voller Selbstvorwürfe und ein düsteres Psychogramm einer Familie erwartet, wird wohl enttäuscht werden – Spannung dieser Art ist bei Grondahl nicht zu finden. Nach dem dramatischen Auftakt gerät die Erzählung rasch in ein viel ruhigeres Fahrwasser, wenn in kunstvoll ineinander verschachtelten Rückblenden die Vorgeschichte erzählt wird.

Diese Reflektion über die Straftat ihres Sohnes setzt an einem Punkt ein, der fast automatisch bei allen Eltern ausgelöst werden würde: Schuldgefühle. War sie, Ingrid, schuld daran, dass ihr Sohn so sehr abgeglitten war? Hätte sie sich nicht vom Vater ihres Kindes trennen sollen? Hätte sie beruflich zurückstecken sollen, sich mehr um ihn kümmern?

Erfreulicherweise lässt der Autor seine Protagonistin aber nicht in einem Strudel des Selbstmitleids untergehen. In einer Sprache, die sich durch Sachlichkeit und Präzision auszeichnet, wird der Leser eingeladen, sowohl an wichtigen Entscheidungspunkten im Lebensweg der Figuren teilzunehmen als auch, und das ist mindestens ebenso wesentlich, ihren Alltag zu teilen. Wenn man mit Ingrid einen Blick zurück wirft auf die Zeit, als sie mit Mann und Kind noch einen Haushalt geteilt hat, dann wird man auch mit ihren ganz persönlichen Anteilen am Scheitern der Beziehung konfrontiert. Ingrid wird als eine sehr reflektierte Persönlichkeit gezeichnet, die auch weiß, welchen Mechanismen sie selbst ausgeliefert ist, oder wie sie mit ihrem Verhalten Reaktionen provozieren kann.

Keine der Frauenfiguren in diesem Roman erfüllt die Klischees mütterlicher Tugenden; alle drei (Großmutter, Mutter, und auch Ingrid) können und wollen sich nicht für ihre Kinder aufopfern. Aber während gerade Ingrids Mutter zeit ihres Lebens ihre eigene Mutter mehr oder weniger direkt für ihr eigenens Scheitern verantwortlich macht, schafft Ingrid es, sich aus dieser Falle zu lösen. Zwar trennt auch sie sich für einen Mann, der gebunden ist, stellt ihr eigenes Liebesglück über eine intakte Familie für ihren Sohn. Aber sie schiebt die Verantwortung nicht ab – weder für ihr eigenes Leben, noch die Verantwortung für das Seelenwohl ihres Kindes.

Ingrids gescheiterter Ehe wird in einem kleinen Nebenstrang als Gegenpol die langjährige Verbindung ihres Halbbruders mit dessen Frau gegenübergestellt, samt den Kompromissen, die zur Aufrechterhaltung manchmal nötig sind. Dabei wird, und das gehört mit zu dem, was ich an diesem Roman so großartig finde, nicht gewertet. Es geht nicht darum, den “richtigen” Weg zu zeigen, sondern es wird aufgezeigt, dass beide Varianten unplanbare Schattenseiten haben und dazu führen können, sich in mancher Hinsicht selbst zu verleugnen.

Mir hat dieser Roman weniger durch seine Rahmenhandlung in seinen Bann gezogen – wobei ich auch die Fragestellung, wie man sich als Elternteil dazu verhält, sehr gelungen finde, und die Balance, die der Autor findet, in dem er keine einfachen Lösungen präsentiert, für gelungen halte – als vielmehr durch die sehr feinsinnigen Beobachtungen. Kleinigkeiten im zwischenmenschlichen Verhalten, die klug in ihre unterschiedlichen Facetten und Warhnehmungsmöglichkeiten aufgespalten werden, machen dieses Buch zu einem ganz besonderen Lesevergnügen für alle LeserInnen, die Gelesenes gerne selbst weiterdenken.

Dabei hatte der Autor es mir erst nicht einfach gemacht; durch die sehr unprätentiöse Erzählweise und die sehr verschachtelten Rückblenden hatte ich es zu Beginn mit “immer mal ein paar Seiten lesen” sehr schwer, in das Geschehen einzutauchen. Dies ist kein Schmöker, den man verschlingt, sondern ein Buch, das zum Nachdenken anregt und für mich daher zu einem ganz besonderen Buch wurde. Schon vor 10 Jahren hat mich sein Roman “Schweigen im Oktober” ähnlich begeistert. Leider fehlt diesem Autor hier in Deutschland noch die Aufmerksamkeit, die er meiner Meinung nach verdient, das Buch ist derzeit noch ein Geheimtipp. Ein Leselust-Buchtipp!

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