Thomas Glavinic – Das größere Wunder

glavinicWas mir bei diesem Buch als erstes ins Auge gestochen ist? Das Cover. Wunderbare Berglandschaft, darüber eine rätselhafte Mondfolge, die wie ein Lichtsignal an eine größere Macht erscheint. Farblich ebenfalls toll umgesetzt, kurzum: ein echter Hingucker. Auch wenn man, so wie ich, nicht unbedingt als Bergfan zu bezeichnen ist.

Aber auch wenn ich selbst nicht klettere und mich eher als Flachlandtiroler sehe, die Faszination, die von der Bezwingung der Berge ausgeht, die kann ich in Ansätzen durchaus nachvollziehen. Unter anderem ein Roman von James Salter, “In der Wand”, hat mich diesbezüglich schwer begeistert. Im “größeren Wunder” findet der Leser die Hauptperson des Romans, Jonas, im Basislager des Mount Everest wieder.

Hierher war dieser auf seiner langen Suche nach dem besonderen Kick, dem Reiz, ja – eigentlich dem Sinn des Lebens gelangt. Den höchsten Berg der Welt will er nun besteigen, nun, da er die Gefahren nicht mehr scheuen muss. Denn seine große Liebe, Marie – sie hat ihn verlassen.

Aber was es mit dieser Marie auf sich hat, erfährt man erst so nach und nach in den Rückblenden. Der Roman ist in zwei alternierende Erzählstränge aufgeteilt: einmal die Erlebnisse am Everst in der Gegenwart, dann die Rückblenden in die Kindheit und Jugend dieses Jonas. Und diese Rückblenden haben es in sich.

Jonas hat noch einen Zwillingsbruder, bei dessen Geburt es allerdings zu Komplikationen kam, die mit dauerhafter geistiger Beeinträchtigung einhergehen. Die Mutter trinkt, ihre ständig wechselnden Partner vergreifen sich an den Jungen. Nach einem besonders brutalen Angriff nimmt der Großvater des besten Freundes die beiden Jungen bei sich auf und lässte die drei, betreut durch ein Heer von Privatlehrern und Angestellten, ihre Erfahrungen machen. So märchenhaft diese Wendung in der Handlung auch ist – Glavinic versteht es, diesen Aspekt auf eine Weise zu schildern, die der Handlung große Glaubwürdigkeit verleiht. Man erlebt als Leser die Sorgen und Nöte der Heranwachsenden mit; ihre Suche nach der Herausforderung, der Kummer, der Jonas trotz allen Luxus immer noch plagt, wenn er daran denkt, dass die Mutter ihn einfach so weggegeben hat.

Die Frage danach, wie sie ihr Leben führen sollen, was ihre Aufgabe ist, treibt sie schon früh um. Jonas kann es für sich beantworten: er will der werden, der er schon ist. (Dies ist einer von so einigen Kalenderspruchweisheiten). Finanzielle Sorgen wird er nie haben, er braucht sich keine langweilige Erwerbsarbeit suchen. Er wird um die Welt reisen und hofft dort auf Antworten.

Aber ich greife vor, und beschreibe vor allem hier schon den Teil des Buches, der mir zunehmend weniger gefiel. Während zu Beginn der Handlung viel Zeit gelassen wird, beschleunigt sich das Tempo immer mehr, je älter der Protagonist wird. Die so groß und schmerzhaft angekündigte Liebesgeschichte bleibt dann auch nur ein blasser Schemen; seine Jugendliebe wird in meinem Gedächtnis einen großeren Raum einnehmen.

Und so, wie Jonas´ Lebenslauf am Ende immer schneller durchgepeitscht wird, so dass keine Zeit für genaue Beobachtungen bleibt, so beschleunigt sich auch das Tempo am Berg…

Diese Bergschilderungen sind für mich auch der Grund, warum ich dieses Buch auf jeden Fall weiter empfehle. Die Zustände im Lager, die Drängeleien, die Tatsache, dass eine Everest-Besteigung schon beinahe Massentourismus ist, all das ist so brillant geschildert, mit einem leicht zynischen Untertun, dass es eine wahre Lesefreude ist.

Dafür kann ich dem Autor auch verzeihen, dass die Lektüre des Buches ab etwa der Hälfte immer abgedrehter wurde. Das Tempo wurde bis zu einem Grad erhöht, der mir beim Lesen kaum noch Spaß macht, die erhoffte Verflmung konnte man sich schon vorstellen…

Ab dem Zeitpunkt, da Jonas erwachsen ist und sich ziellos treiben lässt, lässt die Spannung deutlich nach. Was er mit seinem Geld noch alles anstellen, kaufen, in Bewegung setzen kann – es interessiert mich schlicht nicht. Was davor so wunderbar funktioniert hat, trotz aller Absonderlichkeiten, klappt nun nicht mehr, weil Glavinic den genauen Blick verlorgen zu haben scheint.

Der ganz große Wurf (den ich mir insgeheim von dem Buch erhofft hatte) ist ihm in meinen Augen damit nicht gelungen. Aber ein sehr unterhaltsames Werk, dem ich noch viele Leser wünsche!

3 Gedanken zu “Thomas Glavinic – Das größere Wunder

  1. Pingback: Leseliste 2013 | Die LESELUST

  2. Ich glaube dieses Überzeichnete, Überdrehte gegen Ende des ersten Erzählstrangs, also der Entwicklungsgeschichte von Jonas, gehört zum Programm. Nicht nur der Leser wird zunehmend angeödet von den extravaganten Eskapaden, die ja zum Teil stumpf wiederholt werden, sondern auch Jonas.

    Zu Beginn des Romans habe ich übrigens ganz schön aufgeheult: Behinderte und misshandelte Kinder fordern geradezu den Mitleidsbonus heraus, dazu dieser großherzige Mafioso mit seinen Gutmenschsprüchen und Binsenweisheiten. Aber ich habe es dann irgendwann hingenommen, zumal es für mich dann doch tiefsinniger wurde.

    Aber vielleicht treibt der Autor nur einen Scherz mit seinen Lesern oder er hat eine Wette mit einen gewissen anderen Longlistkandidaten. ;)

    • Ein Scherz – das wäre Glavinic durchaus zuzutrauen ;-)
      Sehr interessant, was du da schreibst – ja, dass auch Jonas selbst angeödet ist von seinen Eskapaden, hätte ich eigentlich auch selbst merken können. Diesen Blickwinkel habe ich beim Lesen nicht eingenommen.
      Oh ja. Auf die Tränendrüse wurde anfangs gewaltig gedrückt, er hat es aber finde ich trotzdem so geschickt gemacht, dass ich es ihm von Beginn an nicht übel genommen habe. Dazu war es zu packend erzählt, und ja außerdem durch die Bergkapitel unterbrochen…

      Anyway – ob nun Programm oder nicht, dieses Überdrehte mag ich leider einfach trotzdem nicht sonderlich, egal in welcher Form es mir begegnet…

      Liebe Grüße,
      Daniela

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