Eliot Perlman – Tonspuren

perlmanEs ist mittlerweile einige Tage her, seit ich die Tonspuren zu Ende gelesen hatte. Ich wollte das Gelesene erst sacken lassen, meine zwiespältigen Empfindungen bei dem Buch ein wenig zur Ruhe kommen lassen.

Auch wenn meine Faszination, die sich nach etwa 100 Seiten einstellte, nicht bis zum Schluss anhielt – es ist nach wie vor Einiges IN diesem Buch, was mich wirklich gefesselt hat und was ich sehr, sehr gerne gelesen habe.

Ein großer Kritikpunkt für mich ist die Geschichte des für den englischen Titels ausschlaggebenden “Street Sweepers”, des jungen Schwarzen, der nach seiner ungerechten Haftstrafe nun versucht, im bürgerlichen Leben wieder Fuß zu fassen und der sich mit einem alten, kranken Mann anfreundet, der ihm seine Lebensgeschichte erzählt.

Diese Lebensgeschichte führt uns nach Polen kurz vor dem zweiten Weltkrieg, da beginnt es – und es führt über Ghetto und Widerstand hin zu KZ und Verbrennungsöfen. Der packendste Teil dieser Lebensgeschichte behandelt den Aufstand in Auschwitz. (nicht, dass der Rest nicht ebenso grausam gewesen wäre – aber dennoch sind es Aspekte, die ich in der Literatur deutlich häufiger schon gelesen habe).

Die Verbindung zum Hauptstrang der Geschichte kommt dann ganz zum Schluss gleich auf doppelte Weise zu Tage – und hier liegt einer der größten Schwachpunkte in der Konstruktion des Romans, es hätte dieser Bezugspunkte der Personen untereinander in meinen Augen überhaupt nicht bedurft. Die Art und Weise, wie Mandelbrot hier von seinem Leben dem viel jüngeren Schwarzen erzählt, mutete mir manchmal sehr seltsam an. Es ist eine Art des Erzählens die davon ausgeht, dass Auschwitz und KZ nicht schon mit Bedeutung beladen sind; also als hätte derjenige, der die Geschichten hört, noch nie vom Holocaust vernommen.

Damit schlägt Perlman allerdings auch wieder die Brücke zu dem Teil des Romans, den ich wirklich großartig fand. Er erzählt von einem Psychologieprofessor in Chicago, der sich unmittelbar nach Ende des Kriegs aufmacht, um mit neuartigen Tonspulen Interviews mit den Menschen zu führen, die die KZs überlebt hatten. Und zwar Interviews, die noch nicht geprägt sind davon, dass es bereits Worte wie “Todesmarsch” oder eben auch “Holocaust” gibt, die in sich schon das Grauen der Zeit zusammenfassen. Es sind einzigartige Zeugnisse, die aber so gut wie unbekannt bleiben bis weit in die 90er – Perlman hat sich hier an der Lebensgeschichte von David P. Boder orientiert, der diese Interviews tatsächlich durchgeführt hat, man kann sie hier: http://voices.iit.edu/ auch nachlesen/nachhören.
Eine Auswahl der Interviews wurde 2011 erstmals auf Deutsch veröffentlicht unter dem Titel “Die Toten habe ich nicht befragt”.
Diese Interviews, durchgeführt von einem Psychologen und eben nicht einem Historiker, gingen nach dem Krieg auch deshalb unter, weil man damals noch nicht wirklich bereit war, diese Geschichten anzuhören.

Perlmans große Stärke liegt darin, sowohl die Geschichte Boders (bei ihm: Henryk Broder) zu erzählen, vor allem eben, wie es zu dem Projekt kam, wie er die Mittel auftrieb, was ihn antrieb, und wie er danach versuchte, so viele Interviews wie nur irgend möglich selbst zu transkribieren und zu übersetzen – er sprach selbst etliche der Sprachen, in denen die Interviews geführt wurden.

Im Roman entdeckt Adam Zigelnik, ein Historiker auf der Suche nach einem lohnenswerten Forschungsprojekt, über einen Umweg diese Tonspuren.
Die Geschichte Adams ist eng mit den Rassenunruhen in den USA verbunden, und auch das ist für sich genommen ein sehr interessanter, gut ausgearbeiteter Aspekt im Roman. Aber die Verbindung der zwei Geschichten ist insgesamt in meinen Augen nicht wirklich gelungen, was mir gerade im Nachgang, im Nachdenken über das Buch auffiel.

Dennoch – ich bin insgesamt gesehen sehr froh, dieses Buch gelesen zu haben. Ich bin erschüttert über die Tondokumente, die man hier tatsächlich nachhören kann, hätte diese wohl sonst nicht gefunden.

Es ist schwierig, hier eine Empfehlung auszusprechen; ich halte es zwar insgesamt für nicht wirklich literarisch geglückt, und ja, es ist überfrachtet, aber es gibt so intensive Passagen, dass ich ihm dennoch mehr Leser wünschen würde.

2 Gedanken zu “Eliot Perlman – Tonspuren

  1. Liebe Daniela,
    deine Rezension schreckt mich nicht wirklich ab, auch wenn sie Kritik übt – im Gegenteil: Das, was du über die Tonspuren schreibst, finde ich extrem interessant, weshalb ich den Roman früher oder später unbedingt lesen möchte. Ich habe schon einige Besprechungen dazu gelesen, allesamt sehr positiv, deine ist bisher die kritischste. Und trotzdem machst auch du mir wahnsinnig Lust auf das Buch. Danke, dass du es mir in Erinnerung gerufen hast.

    Liebe Grüße,
    caterina

  2. Liebe Caterina,
    es soll dich ja auch nicht abschrecken ;-))) Wie gesagt: ich wünsche dem Buch, auch wenn es ein paar Fehler hat (in meinen Augen zumindest) auf alle Fälle noch viele Leser, zumal es einfach ein paar tolle Themen aufgreift und super behandelt. Das Problem ist eher die formale Verknüpfung, die ihm nicht so geglückt ist, wie ich finde. Dazwischen: auf jeden Fall lesenswert. Ich habe für mich noch so einiges Neues daraus gelernt!
    LG, Daniela

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