Uwe Timm – Vogelweide

TimmVogelweide.jpgEine einsame Insel in der Nordsee, nur im Sommer bewohnt von einem Vogelwart, der den Bestand und sonstige Vorkommnisse dokumentiert – das ist der Einstieg in Uwe Timms neuen, auf der Longlist für den Deutschen Buchpreis 2013 befindlichen, Roman.
Unser Erzähler, ein schon ergrauter Mittfünfziger, sieht seine Ruhe und Ungestörtheit in Gefahr – denn ausgerechnet Anna hat ihren Besuch angekündigt. Anna. Mit der er eine so leidenschaftliche Affäre erlebt hatte – und die ihn dann einfach zurückließ. Gescheitert. Denn zeitgleich war es auch mit dem Dasein als erfolgreicher Unternehmer zu Ende, Eschenbach musste Konkurs anmelden, sein Loft, sein Oldtimer, alles nun Vergangenheit.

In Rückblenden wird dann erzählt, wie Eschenbach denn nun eigentlich auf die Insel kam. Es war eine kurze Begegnung, nur ein Blick, und Eschenbach war dieser Unbekannten mit dem grünlich schimmernden Pferdeschwanz verfallen. Als er sie einige Zeit später erneut zufällig trifft, freunden sich erst die beiden Paare an, doch Eschenbach geht es dabei immer nur um Anna.

Anna jedoch, an sich sehr glücklich verheiratet mit einem Architekten, zwei Kinder, und der festen Überzeugung, dass ihre Ehe auf Dauer angelegt sei und kein Dritter darin Platz finden könne, hält den rauschhaften Zustand nicht lange aus; sie trennt sich von beiden Männern und zieht nach New York. Eschenbachs Freundin tröstet den verlassenen Ehemann, und alle bleiben sich dennoch gut, auch wenn es erstmal eingetretene Türen gibt.

Man merkt vielleicht schon: dieses Buch konnte mich nicht begeistern. Ja, Timm erzählt nett, das Buch liest sich gut weg, die Naturbeobachtungen sind ansprechend, zudem darf man sich ein bisschen wie ein Mensch von Welt fühlen, wenn man Timms Berlin-Schilderungen liest; das Berlin der gehobenen Bürgerlichkeit mit guter Küche und stets exzellenten Weinvorräten. Selbstverständlich liest man auch; natürlich keine Bestseller, sondern Klassiker, Philosophen – Handverlesenes eben, so wie auch der Rest des Settings, in das die Geschichte eingebettet ist. Entsprechend empfand ich es schon beinahe als Stilbruch, dass Eschenbach dann auf der Insel ganz profan DeLillo liest.

Nur leider bleiben die Figuren alle dabei für mich sehr blutleer. Mag sein, dass ich vielleicht am Entdecken diverser Anspielungen noch etwas Vergnügen hätte finden können, in den Zeitungsrezensionen ist ja genug davon die Rede; doch dazu steckte ich in vieler Hinsicht nicht in der Materie drin, auf die angespielt wurde.

Timm versucht in meinen Augen viel zu viel in die Geschichte hineinzupacken. Theologische Anspielungen, eine Erforschung des Begehrens, Nachhaltigeit und Werte “wie man leben soll”, ein wenig Aufgreifen der aktuellen Debatte; dabei bleibt aber alles eben ein Diskurs, wird nicht gelebt, viel zu gesättigt erscheinen mir seine Personen dazu.

Ich hatte mir von diesem Buch mehr versprochen; bislang das schwächste der Bücher aus der Longlist, das ich gelesen habe. Entsprechend würde mich eine Nennung als Shortlisttitel eher enttäuschen.

Ein Gedanke zu “Uwe Timm – Vogelweide

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