Franz Hohler – Gleis 4

HohlerGleisEin dringend benötigter Erholungsurlaub sollte es werden, ohnehin schon zeitlich eingeschränkt durch eine Operation. Auf dem Weg zum Flughafen steht Isabelle kurz verzagt mit ihrem schweren Koffer an der Treppe zu ihrem Bahngleis; da bietet ein höflicher älterer Herr ihr an, den Koffer hochzutragen – und stirbt unmittelbar darauf vor ihren Augen.

Der Mann trägt keine Brieftasche, keinen Ausweis bei sich. Und erst zu Hause merkt Isabelle, dass sie die kleine Aktentasche, die er bei sich trug, unabsichtlich mit nach Hause genommen hatte – und damit auch sein Mobiltelefon. Doch der Anruf, der sie darauf kurz darauf erreicht, erhellt die Identität noch weniger, sondern gibt weitere Rätsel auf: der unfreundliche Anrufer teilt nur unwirsch mit, ein gewisser Marcel wäre bei der morgigen Beerdigung nicht erwünscht.

Isabelles Interesse ist geweckt, sie erkundigt sich, besucht selbst alle drei Beerdigungen dieses Tages, kann sich bald vorstellen, um welche es sich dabei handeln könnte. Als dann die Witwe des Verstorbenen doch noch in Kanada ausfindig gemacht werden kann, bietet sie an, ihr behilflich zu sein.

Gemeinsam beginnen sie, dem Leben dieses Mannes nachzuspüren, der in Kanada im wahrsten Sinne des Wortes ein neues Leben begonnen hatte. Nichts ist von ihm bekannt aus der Zeit davor; seiner Frau hatte er nur erzählt, er hätte nichts Unrechtes getan, aber nichts weiter.

Nach und nach zeigt sich, was in Marcels Kindheit geschah; und das wiederum wirft ein unangenehmes Licht auf ein in der Schweiz in den fünfziger Jahren nicht ungebräuchlichen Vorgehens: dass ledigen Müttern ihre Kinder weggenommen wurden. Dies, und was mit diesen Kindern dann geschah, wird hier exemplarisch vermittelt.

Doch damit ist es nicht genug. Isabelle hat eine Tochter von einem afrikanischen Arzt, die nun plötzlich ihre afrikanischen Wurzeln für sich entdeckt, und auch sonst wird noch einiges in den schmalen Band gesteckt. Das hat mich, nach dem grandiosen Beginn, dann etwas enttäuscht. Hohler ist ein großartiger Erzähler, doch weniger wäre für mich in diesem Fall mehr gewesen.

3 Gedanken zu “Franz Hohler – Gleis 4

  1. Hallo Atalante, oh ja, diskutieren kann man darüber glaube ich ziemlich vortrefflich, gibt ja genug Ansatzpunkte. Gerade vielleicht auch mit Menschen, die noch Kontakte / Kenntnis von weggegebenen Kindern haben, bzw. unehelichen / alleinerziehenden imWandel der Zeit, da kann man genug diskutieren. Über die formalen Aspekte finde ich gibt es dazu weniger Diskussionsgrundlage (mM)
    LG, Daniela

  2. Pingback: Leseliste 2013 | Die LESELUST

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>