Nellja Veremej – Berlin liegt im Osten

veremejSeit ewigen Zeiten bewegen die Migrantenströme sich westwärts. Auch Lena, die Hauptperson dieses Romans, hat es in den Westen gezogen. Aufgewachsen ist sie in Sibieren, nahe Japan, dann am Kaukasus, um schließlich in Leningrad zu studieren und nach der Wende mit ihrem Mann und ihrer kleinen Tochter nach Berlin zu emigrieren.

Anfangs waren sie voller Ideale. Jounalistin, Schriftstellerin, auf alle Fälle etwas Besonderes wollte sie hier, im Land des Überflusses, sein.

Doch wie so oft sind auch hier die Träume an der Wirklichkeit gescheitert. Schuras hochfliegende Geschäftspläne scheiterten, und Lena selbst fand sich irgendwann wenig romantisch als Altenpflegerin wieder. Als Altenpflegerin mit offenen Ohren; mit das Beste an ihrem Beruf sind für sie die Geschichten von früher, die sie erzählt bekommt.

Zum Beispiel von Ulf Seitz, der früher Journalist beim Tagesspiegel war. Er ist es, der sie auf die Spuren von Döblins Alexanderplatz hinweist, der ihr auch die Stelle vorliest, in der sein Vater im Buch kurz vorkommt. Für ihn übernimmt sie nicht nur die Haushaltstätigkeiten; sie geht mit ihm spazieren, lässt sich die Geschichte so manchen Ortes erzählen – und verbringt schließlich sogar Weihnachten mit ihm. Eine zarte Liebesgeschichte beginnt mit dem fast doppelt so alten Mann; doch auf seine schüchternen Zärtlichkeiten lässt sie sich eher aus Mitleid ein, um gleich danach davonzulaufen.

Sie trifft einen anderen Mann, der jedoch verheiratet ist; ihre Mutter stirbt, ihr Exmann braucht Geld, die Tochter gibt für ihn das mühsam Ersparte für den geplanten Amerikaaufenthalt weg. Denn ja, auch die Tochter zieht es westwärts.

Seitz aber hatte in den letzten Tagen der DDR an einer Beilage mitgearbeitet, die sich mit den Erfahrungen derer auseinandersetzte, die schon vor der Wende dem Ruf nach Westen gefolgt waren. Von Konsum war viel die Rede, doch die so sehr ersehnte Freiheit – die kommt nicht mehr vor.

“Berlin liegt im Osten” war mir schon im März kurz durch eine Radiorezension aufgefallen (um leider allzuschnell von mir wieder vergessen zu werden). Nun bin ich durch die Longlist des Deutschen Buchpreises 2013 darauf gestoßen, Cover und Inhalt klangen ansprechend – und ich habe die Lektüre nicht bereut.

Veremej setzt sich damit auseinander, welchen Träumen man oft hinterher jagt, wenn man an einem fremden Ort sein Glück versucht. Sie schildert die Unsicherheit, die mit der Unkenntnis der neuen Sprache einhergeht. Ein wichtiger Punkt, gerade zu Beginn, ist auch die Scham: die Scham darüber, im neuen Land trotz Studium nicht in einem akademischen Beruf zu arbeiten, es nicht “geschafft” zu haben. Diesen Punkt greift sie gegen Ende wieder auf, wenn sie Schura zurückkehren lässt.

Mit der Einführung von Ulf Seitz und seinen Erzählungen kommt eine andere Lebenserfahrung mit hinein; er, der von Geburt bis zum Tod in seiner Wohnung in der Torstraße gelebt hatte, erst mit seinen Eltern, dann nur noch mit seiner Mutter, nachdem er seinen Vater an die Gestapo verraten hatte, später dann mit seiner eigenen kleinen Familie. Es ist ein Gegenentwurf der Beständigkeit, der hier präsentiert wird.

Ich finde den Roman insgesamt sehr gelungen, geschickt komponiert, könnte mir auch gut vorstellen, dass er es eventuell sogar auf die Shortlist schafft. Der Blick auf Berlin, auf Mitte vor allem, ist nicht neu, aber schön zu lesen; doch, ja, ich kann den Roman durchaus weiterempfehlen. 3,5 von 5 Sternen.

7 Gedanken zu “Nellja Veremej – Berlin liegt im Osten

  1. Mir hat das Buch auch sehr gut gefallen, so daß ich mich freuen würde wenn auf die Shortlist kommt oder vielleicht sogar, wie bei “Tauben fliegen” gewinnt. Auf der “Jung und Jung” Facebookseite gibt es übrigens interessante Informationen darüber.
    Nur der sehr schnelle Perspektivenwechsel hat mich ein wenig verwirrt und dann ist es mir manchmal ein bißchen “hart” erschienen, so die aussagen über diese alte Frau oder die “verrückte Nachbarin”. Daß die Altenhelferin eine Beziehung zu Herrn Seitz eingeht, finde ich sehr unkonventionell und neu, weil ja eigentlich nicht wirklich erlaubt und originell und das soll Literatur ja sein

  2. mich würde es sehr wundern, wenn es dieses Buch auf die shortlist schaffen würde. Obwohl Zuzug und Integration doch weltweite Themen sind ist es doch sehr auf Berlin und die ehemalige Sowjetunion festgelegt. Auch kann ich geschickte Komposition, die Daniela beschrieben hat nicht erkennen.

  3. Liebe Bettina,
    ja, es ist begrenzt auf eine Einzelerfahrung, sicher. Mich hat das nicht so sehr gestört, ich hatte auch keine allgemeine Abhandlung erwartet.
    Ich empfand das Entgegenstellen der zwei Lebensentwürfe, einmal Lena mit ihren immer wieder neuen Orten, an denen sie ihr Glück suchen will, zu Ulf Seitz, der die Veränderung durch außen hatte, also durch die Zeitläufte, schon recht gelungen. Aber das ist natürlich nur meine ganz subjektive Meinung ;-)
    Wusste gar nicht, dass du das Buch auch gerade liest, ich dachte, du wolltest diesmal den Preis links liegen lassen?

    Liebe Eva,
    Ob die Beziehung nun erlaubt oder nicht ist, war für mich eigentlich nicht wichtig. So richtig zur Beziehung wird es ja auch gar nicht erst, weil Lena sich zurückzieht, sobald es über die geistige Nähe hinaus geht. Mir erschienen die von dir geschilderten Szenen auch nicht als hart; eher als lebensnahe, gerade da konnte ich mir vieles vorstellen.

    Nun ja – am nächsten Mittwoch wissen wir, wie die Jury das sieht ;-)
    LG; Daniela

    • Liebe Daniela,
      so ist das auch ein blindes Huhn (ich) findet manchmal ein Korn. Ich hatte das Buch weit vor seiner Nomenierung anläßlich einer ziemlich dilletantischen Buchvorstellung kennengelernt. Das es auf der Longlist war, habe ich erst auf der homepage mitbekommen. Da merkt man immer wieder das es gut ist, vielseitige Freunde zu haben. Da die Lesung dank des Verlages so verpeilt lief und ich die Autorin wegen ihrem Sprachrhytmus nicht so gut verstanden hatte, habe ich zugegriffen und gelesen und konnte dann einfach nicht widerstehen als ich deine Buchplauderei gelesen hatte. Sorry und halte mich jetzt raus. Tippe trotzdem als ehem. Buchhändlerin auf “Im Stein” und hatte mit der Nichtnominierung von “Berlin liegt im Osten” dann scheinbar recht.

  4. Ich habe so eine Vorliebe für schön gemachte Bücher … und das ist eines, das man gerne in die Hand nimmt. Die Leseprobe hat mir auch sehr gut gefallen, war aber nicht die einzige.

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