Reinhard Kaiser-Mühlecker – Roter Flieder

40423_1_kaiser-muehlecker_bb_web1Manchmal schrecke ich völlig zu Unrecht vor dicken Büchern zurück. Dieses hier habe ich schon kurz nach Erscheinen gekauft – weil mir “Magdalenaberg” sehr gut gefallen hatte und ich den Autor weiter verfolgen möchte. Nur gelesen habe ich es lange nicht – bis es nun zum Glück von meinem Lesekreis gewählt wurde. Trotzdem habe ich beinahe widerwillig zu lesen begonnen; schließlich ist gerade Buchpreiszeit, und ich bin im Longlist-Fieber.

Und was für ein Sog ist für mich schon nach wenigen Seiten entstanden! Ich habe diese über 600 Seiten in einem Rutsch durchgelesen, fasziniert von der Geschichte, angerührt von der Erzählweise und natürlich auch vom Inhalt. Wieviel davon meinem ähnlichen Umfeld geschuldet ist, werde ich hoffentlich spätestens morgen bei unserem Lesekreis erfahren.

Aber nun von Anfang an. Worum geht es eigentlich? Am Beginn des Roman steht eine Ankunft. Ferdinand Goldberger kommt mit seiner Tochter Martha in Rosental an und nimmt dort einen leerstehenden Hof in Besitz. Von seinem eigenen Hof im Innviertel musste er Hals über Kopf weg; warum genau, das erfährt man auch im Laufe des gesamten Buches nicht. Goldberger war ein Nazi, hatte sein Amt etwas zu gründlich versehen, könnte man kurz gefasst sagen. In Rosental hofft er dennoch auf einen neuen Anfang – doch der Schatten der Vergangenheit holt ihn auch hier ein. Und die Offenheit, mit der im Dorf erst durchaus auf ihn reagiert wurde, ist dahin.

Als sein Sohn Ferdinand aus dem Krieg zurückkehrt, stellt auch er Fragen, doch sie werden nicht beantwortet. Es wäre im Innviertel nicht mehr gegangen, heißt es nur immer. Der Sohn will ihn am Hof nicht haben, lässt sich das Anwesen überschreiben. Immer stärker sieht der Vater, dass es seine Taten sind, die den Schatten über das Familienglück gelegt haben. Und schon in der Bibel steht, dass bis ins siebte Glied gestraft würde.

Von diesem Gedanken ist er fortan besessen. Und es scheint sich zu erfüllen; denn auch wenn es wirtschaftlich prosperiert, steht es um das Familienglück oft nicht zum Besten.

Ich bin in dieses Buch eingetaucht, als wäre es ein Heimkommen. Nun bin ich in einer ähnlichen Umgebung aufgewachsen; Bauernhof, enger Familienzusammenhalt, die kirchliche Prägung. Das ist so atmosphärisch dicht geschildert, dass ich die Landschaft und die Jahreszeiten geradezu körperlich gespürt habe. Die Familiengefüge, die (unausgesprochenen) Erwartungen, all das wird auf eine Weise erzählt, die mich stark beeindruckt hat.

Für mich zählt dieses Buch definitiv zu den Highlights dieses Lesejahres!

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>