Norbert Gstrein – Eine Ahnung vom Anfang

Gstrein - Eine Ahnung..Es gab eine Bombendrohung in der kleinen Stadt, irgendwo in Österreich, in Tirol. Auf dem Fahndungsfoto meint Anton, Lehrer in dieser Kleinstadt, seinen ehemaligen Schüler Daniel zu erkennen. Daniel. Einer der intelligentesten Schüler, die er jemals hatte, zweifellos der, zu dem er das engste Verhältnis aufgebaut hatte, auch wenn er nicht hätte sagen können, warum nun eigentlich.
Die Ereignisse, die auf die Bombendrohung folgen, sind für ihn der Anlass, diese r Beziehung gedanklich nachzugehen – auf der Suche nach dem, was vielleicht am Anfang einer Entwicklung stand, die nun in Terrordrohungen zu einem Ende gekommen zu sein scheint.

Die “Ahnung”, die hier schon im Titel steckt, zieht sich durch die Lektüre des Buches. Denn sehr viel mehr als Ahnungen, Vermutungen, vorsichtiges Herantasten findet man über weite Strecken darin nicht. Anton, der Ich-Erzähler, tastet sich hier nicht nur an Daniels Geschichte heran und was diesen beeinflusst haben könnte, sondern auch an die Schmerzpunkte in seinem eigenen Leben.

Sein Bruder hat sich das Leben genommen; wie davor auch schon sein Onkel und wohl auch der Großvater. Für seinen Bruder allerdings fühlt er sich verantwortlich – er befürchtet, dass er Roberts Tod durch die Bücher, die er diesem zu lesen gab, mit verursacht haben könnte, eine Neigung verstärkt haben könnte.

Die Frage nach dem Einfluss von Literatur auf junge Menschen, die noch voller Idealismus und Begeisterungsfähigkeit sind, zieht sich wie ein roter Faden durch dieses Buch; eng verbunden damit ist das Thema Religion und Mathematik. Was macht es mit einem jungen Menschen, der auf der Suche nach absoluten Wahrheiten ist, wenn er sich mit der unperfekten Welt auseinander setzen muss?

Es ist mir teilweise nicht leicht gefallen, dieses Buch zu lesen. Gerade zur Mitte hin hat mir sehr ein erkennbares Zentrum, ein größerer Zusammenhang für die Einzelfragen gefehlt, die das Buch aufwirft. Und könnte Gstrein nicht so gut schreiben, dann würde mein Urteil zweifelsohne wesentlich ungünstiger ausfallen.

So ist es für mich ein Buch, das mich an sehr vielen Stellen zum Nachdenken angeregt hat. Es bleibt im Ungewissen, zumindest für mich, worum es dem Autor nun wirklich ging. Aber gerade nach dem wirklich sehr starken letzten Drittel empfand ich diese Frage auch nicht mehr als wesentlich. Wichtig ist: was hat das Buch mit mir gemacht. Ich bin überzeugt, dass dieses Buch eine große Zahl von möglichen Interpretationen ermöglicht, dass gerade auch die darin enthaltenen religiösen Aspekte geradezu nach Beleseneren rufen. Mich hat besonders die unterschwellige Bedrohung, die durch Klatsch und Tratsch in einer kleinen Gemeinschaft entsteht angesprochen – für mich waren das mit die atmosphärisch dichtesten Stellen.

Kurzum: ein Buch, auf das ich mich nicht umsonst gefreut habe – das ich aber dennoch nur eingeschränkt weiterempfehlen würde.
3,5 von 5 Sternen.

4 Gedanken zu “Norbert Gstrein – Eine Ahnung vom Anfang

  1. Liebste Daniela,
    dein neues Format gefällt mir sehr gut! Ich werde es sogleich abonnieren, damit ich auf dem Laufenden bleibe.
    Deine Rezension weckte in mir das Verlangen, das Buch zu lesen. Wir werden sehen, wann ich Zeit und Muße dafür finde.

    Ich lese gerade Neil Gaimans neuen Roman, ein recht kurzer eigentlich, aber es sind immer nur wieder die ersten Seiten, die ich abends lese bevor Bruder Schlaf mich ins Land der Träume holt. Ich freue mich auf den Tag, an dem ich es endlich zu Ende lesen werde.

    Alles Liebe,
    Maria A

  2. Liebe Maria,
    Erstmal freut es mich ungemein, wieder von dir zu lesen (und auch mal wieder, was du so liest) – und dann könnte ich mir den Gstrein für sich auf jeden Fall sehr gut vorstellen!
    Falls dein Leben dir für das Buch eines Tages Zeit lässt, würde ich mich über deinen Eindruck freuen.
    Herzliche Grüße nach Wien,
    Daniela

  3. Wie jetzt – du hast das Buch immer noch nicht erhalten? Das ist ja ärgerlich, ist ja doch nicht wenig zu lesen in der kurzen Zeit….
    Ich bin schon höchst gespannt auf deinen Kommentar und bin mir sehr sicher, dass du aus dem Buch ganz andere und noch sehr viel mehr rauslesen wirst als ich, gerade auch mit deinem anderen Hintergrund.
    (Hoffentlich gefällt es dir auch…)

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