Kathrin Schmidt – Du stirbst nicht

schmidtMit Mitte vierzig platzt bei der Schriftstellerin Helene Wesendahl ein Aneurysma im Gehirn. Eine massive Blutung ist die Folge, die sie nur mit viel Glück überlebt. Wie nach einem schweren Schlaganfall ist erstmal nicht absehbar, ob und wie weit sie sich jemals wieder erholen wird.

Als Leser erlebt man die ersten Tage, nachdem sie langsam wieder zu sich kommt, hautnah mit. Sie weiß nicht, wo und wer sie ist, was davor passiert ist. Sie ist immer nur kurz bei Bewusstsein, sie driftet immer wieder ab, nimmt nur Bruchteile wahr, merkt auch, dass ihr die Möglichkeit fehlt, sich zu artikulieren.

Langsam, sehr langsam lernt sie wieder, wer sie eigentlich ist, erkennt ihre Kinder wieder, ihren Mann, weiß wieder, dass sie eigentlich Schriftstellerin ist. Doch was ist eine Schrifstellerin, die keine Worte mehr hat? Jedes Wort, dem sie begegnet, wird von ihr gekostet und ausprobiert, sie erlebt die tiefe Verunsicherung, die es bedeutet, sich nicht klar ausdrücken zu können. Das zieht sich auch in ihr Privatleben hinein – sie fühlt sich auch Diskussionen mit ihrem Mann nicht gewachsen.

Überhaupt muss sie sich auch erst in ihrer Vergangenheit wieder zurechtfinden. Es ist noch verhältnismäßig leicht, die langfristige gemeinsame Geschichte ihrer Familie zu rekonstruieren. Doch was ist im vergangenen Jahr passiert, wie stehen sie und ihr Mann überhaupt zueinander? Waren sie gerade dabei, sich zu trennen? Wollte sie probehalber mit der jüngsten Tochter ausziehen?

Ich empfand diesen Roman – ja, auch wenn die Ereignisse stark autobiographisch geprägt sind handelt es sich klar um einen Roman – in sehr vieler Hinsicht als unglaublich intensiv erlebt. Vor allem die Krankheitsgeschichte hat mich sehr berührt – die Autorin hat dafür eine ganz eigene Sprache gefunden, die sehr unmittelbar fühlbar macht, wie dieser Kampf um geistige und körperliche Unabhängigkeit sich angefühlt haben mag.

Die Ohnmacht, die Helene als Patientin empfindet, die Entmündigung, die sie erlebt, gerade auch, weil sie selbst mal in diesem Metier gearbeitet hat und manche Prozesse daher auch aus der andere Perspektive kennt, gehören mit zu den eindrucksvollsten Szenen dieses Romans.

Dagegen hatte ich weniger Freude an den biographischen Rückblenden; die lange Beziehungsgeschichte mit Matthes, aber vor allem dann die für sie sehr aufwühlende Liebesgeschichte zu Viola, einer Transsexuellen. Zwar bieten diese Rückblicke auch Atempausen im ansonsten sehr dichten Text, aber mich hatte sie damit auch immer wieder ein wenig verloren.

Während die Schriftstellerin ihre körperliche Mobilität stärkt und ihre Vergangenheit, ihre Sprache wiederfindet, tastet sie sich auch neu an das Verhältnis zu ihrem Mann heran. Da es für sie keine Gewissheiten mehr gibt, keine eingespielten Verhaltensmuster, fehlt ihr zwar einerseits die Sicherheit der Berechenbarkeit, auf der anderen Seite gibt es dadurch für sie im Zusammenleben mit Mann und Kindern teilweise ganz neue Perspektiven.

Ich war und bin nachhaltig beeindruckt davon, wie Kathrin Schmidt es hier geschafft hat, ein sehr intellektuelles Buch über ein sehr persönliches Thema zu verfassen. Die Autorin hat selbst als Psychologin gearbeitet, ist unheimlich reflektiert, und das verleiht gerade auch der erneuten Annäherung des Paares eine ganz besondere Tiefe.

Ein Roman, den man sicher als würdigen Preisträger für den Deutschen Buchpreis 2009 bezeichnen kann.

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