Melinda Nadj Abonji – Tauben fliegen auf

abonjiNichts hat sich hier verändert, moniert Herr Kocsis jedes Jahr wieder, wenn sie in die schlechten, staubigen Straßen ihrer Heimatstadt in der Vojvodina einfahren. Nichts hat sich verändert, stellen dagegen seine Töchter Ildiko (aus deren Sicht der Roman erzählt wird) und Nomi fest. Alles müssen sie wieder in Besitz nehmen, überprüfen, vom Hackklotz im Hof bis zum Zaun und natürlich ihre Mamika, die Großmutter. Begeistert stürzen sie sich auf die vollen Teller, es wird aufgekocht, dazu die lokalen Spezialitäten wie Traubisoda, das so lecker ist, dass sie davon eigentlich ein paar Flaschen in die Schweiz mitnehmen müssten, um sie ihren dortigen Freundinnen zu kosten zu geben. Und doch nehmen sie nie welches mit – zu genau können sie sich vorstellen, wie geringschätzig die Reaktion ausfallen würde.

Und schon mit diesem fulminanten Einstieg hat die Autorin es geschafft, mich als Leserin völlig gefangenzunehmen. Es ist schon alles drin: die Schilderung der (vermeintlichen) Idylle in der gefühlten Heimat, der Zwiespalt, in dem sie sich durch ihr Leben anderswo immer befinden, das Gefühl, anders zu sein, nicht dazuzugehören, weder hier noch dort.

Während man als Leser zu Beginn zwischen der lauten, zuweilen auch handgreiflichen, Herzlichkeit im Heimatdorf und dem größeren Wohlstand, aber auch der sozialen Kälte in der Schweiz sehr klar die emotionalen Zugehörigkeiten der Töchter empfinden kann, wird im Laufe des Buches – und des Älterwerdens der jungen Mädchen – auch immer klarer, dass es nicht die Hoffnung auf Reichtum war, die die Eltern zur Auswanderung bewog.

Von den Einflüssen der Politik, der fehlenden Möglichkeiten, einen Beruf auszuüben, wenn man auch nur ein wenig aufgefallen war als einer, der sich nicht so leicht unterordnen konnte, bis hin zu tiefen Verletzungen im Familiengefüge ist von allem etwas dabei. Dieses Aufdecken der Geheimnisse geschieht wieder auf eine sehr gekonnte Weise, und ist eng verknüpft mit dem immer komplexer werdenden Aufnahmevermögen der Mädchen.

Immer klarer sehen sie auch, dass trotz der Schönheit ihrer Heimat hier auch eine große Rückständigkeit herrscht, dass man schon an einem kurzen Blick in den Mund merkt, dass hier ein Mangel herrscht.

Aber auch in der neuen Heimat gibt es Defizite, wenn auch alles erhältlich ist. Die Eltern arbeiten hart, nehmen auch viel Demütigung in Kauf, bis sie dann endlich ein renommiertes Cafe am Zürichsee übernehmen können. Und auch jetzt sind die Demütigung nicht zu Ende. Zu dieser Zeit beginnt der Balkankrieg, weitere Flüchtlinge kommen ins Land, die Begeisterung der Einheimischen hält sich in Grenzen. Alltägliche Herabwürdigungen, getarnt als Nettigkeiten, machen Ildiko in ihrem Alltag als Kellnerin im elterlichen Lokal zu schaffen.

Und immer ist da auch das Gefühl, man müsste. Man müsste doch eigentlich irgendetwas tun, irgendetwas organisieren, um den Menschen “da unten” zu helfen, das Los zumindest der Verwandten erleichtern. Die Protestbewegung, ein besetztes Fabrikgelände am Rande Zürichs, wird zur neuen Heimat der Schwestern, doch nicht erst als sie sich in einen der Flüchtlinge verliebt spürt sie, dass es ein Protest in Watte gepackt ist, ein Ort, der dennoch meilenweit vom Grauen entfernt.

Und ganz nebenbei ist es auch eine Geschichte vom Erwachsenwerden, von den Erwartungen, die die Familie an einen hegt, vom Wunsch, die Kinder mögen es einmal besser haben, und dem Unverständnis, wenn diese mit der neu gewonnenen Freiheit, zu werden, was sie wollen, scheinbar nichts anzufangen wissen, sich nicht entscheiden können oder wollen. Mit dem Aufbruch aus der sehr engen und verbundenen Welt im Heimatdorf ist auch der elterliche Einfluss auf die eigenen Töchter geschwunden, ist der Einfluss der neuen, freien Umgebung zu groß.

Der Krieg am Balkan wird von den Protagonisten nicht selbst erlebt. Sie müssen nur bangen um die Familie, können nur selten telefonieren, können nicht helfen und sind auf die Nachrichten von anderen angewiesen. Und trotzdem ist er auch in ihrem Cafe präsent, wenn die Angestellten, bisher friedliche Kolleginnen, sich nach einem Missgeschick plötzlich wüst zu beschimpfen beginnen, sind sie doch Zugehörige verschiedener Ethnien.

Ich habe diesen Roman mit großem Gewinn gelesen. Die Sprache ist sinnlich und doch nicht überladen, als Leserin fühlte ich mich hineinversetzt in diese Welt, habe die reich gedeckten Tafeln goutiert, bin von der gar nicht persönlich gemeinten Ablehnung in der Schweiz gekränkt und irritiert. Einfühlsam werden immer komplexere Themen aufbereitet, entsteht beim Lesen das Bild einer jungen Frau, die die Puppenhaut des unschuldigen Mädchens abstreift.

Die Lektüre ist auf jeden Fall ein Gewinn!

Auszeichnungen: Der Buchpreis 2010 für das beste belletristische, in deutscher Sprache veröffentlichte Buch des Jahres geht an Melinda Nadj Abonji für “Tauben fliegen auf”, ebenso der Schweizer Buchpreis 2010.

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