Elizabeth George – Careless in Red / Doch die Sünde ist scharlachrot. Inspector Lynley 15

george_CarelessNach dem Tod seiner schwangeren Frau Helen hatte Thomas Lynley beschlossen, New Scotland Yard zu verlassen. Nach einem für alle Seiten anstrengenden Versuch, sich um das Familienanwesen zu kümmern, war Lynley dann aufgebrochen – ohne Geld, ohne Ausweis, nur mit dem Nötigsten versehen wanderte er nun schon sechs Wochen lang auf dem Küstenpfad in Cornwall und betrauerte seine Lieben. Ein Fehltritt nur, ein Sturz, und all das könnte ein Ende haben – doch noch ist er nicht so weit. Und als er dann statt dessen am Grund der Klippen einen anderen leblosen Körper sieht, kann er nicht einfach weitergehen als wäre nichts geschehen.

Auf der Suche nach der nächsten Gelegenheit, die Polizei zu verständigen bricht er in ein Cottage ein. Dairdre Trahair, die Besitzerin des kleinen Häuschens, überrascht den völlig verwahrlosten Lynley dort auf der Suche nach einem – nicht vorhandenen – Telefon. Als sie im nächsten Pub dann gemeinsam die Ordnungskräfte alarmieren, sagt sie noch, es handle sich wahrscheinlich um Santo Kerne.

Als DI Bea Hannaford dann allerdings die Befragung beginnt, behauptet sie, den Toten nicht zu kennen. Oder doch nicht mehr, als man einen Menschen in so einem kleinen Städtchen eben kennt, auch, wenn man selbst nur an den Wochenenden hier lebt. Eine offensichtliche Lüge – und noch dazu, wo Lynley sie doch jederzeit widerlegen könnte? Lynleys Interesse an dieser seltsamen Frau ist geweckt.

Bea Hannaford vermutet ebenfalls, dass Dairdre etwas zu verbergen hat. Und auch wenn Lynley nach allen Ermittlerkriterien als Verdächtiger zu gelten hatte und außerdem ja aus dem aktiven Polizeidienst ausgeschieden war, wurde er von ihr doch kurzerhand damit beauftragt, ihren Hintergrund zu ermitteln und die Lügen aufzudecken.

Währenddessen laufen die restlichen Ermittlungen frustrierenderweise ins Leere. Santo Kerne war mit seiner Familie vor einiger Zeit nach Clavendish gekommen, um dort ein altes Hotel umzubauen und dort Abenteuerurlaube anzubieten. Jeder in der kleinen Stadt kannte ihn – ein gutaussehender Junge, 18 Jahre alt, entsprechend von sich eingenommen, ein wenig aufgeblasen, aber auch ein guter Sportler und auch nicht gerade als treu bekannt.

Damit tritt er wohl ziemlich deutlich in die Fußstapfen seiner Mutter; das zumindest erklärt sie den Ermittlern gleich ganz offen. Es ist eine seltsame, eine sehr schmerzhafte Beziehung, die Ben und Dellen führen – und unter den Spannungen hatte vor allem Kerra, ihre Tochter, zeitlebens gelitten. Niemand, so ihr Gefühl, ist vor ihrer Mutter sicher, wenn sie es darauf anlegt, dann ist es ihr egal, ob der Mann ihr gegenüber frei ist, ob er der erste Freund ihrer Tochter ist – sie nimmt sich, was sie haben will.

Zu Lynleys Überraschung taucht auch Barbara Havers kurz darauf in Clavendish auf. Eine Leihgabe der Met aufgrund der personellen Unterbesetzung einerseits, aber hauptsächlich die Sorge um Lynley hatte sie hergetrieben. Und sie bekommt auch gleich genug zu tun. Denn Lynley, sonst so korrekt und zuverlässig, zögert, wenn es darum geht, die Informationen über Dairdre auch weiterzuleiten. Woher sie im Alter von dreizehn zum Beispiel einfach aus dem Nichts aufgetaucht war, zum Beispiel…

Entgegen den erhaltenen Anweisungen vergräbt er sich lieber in den Hintergrund der Kernes und stößt in Bens und Dellens Heimatstadt auf einen lange zurückliegenden Unfall…

Ich war und bin sicher nicht die einzige Leserin, die nach dem dramatischen Tod von Lynleys Frau unbedingt wissen wollte, wie es weitergeht. Wenn Lynley tatsächlich bei New Scotland Yard aufhört – was wird dann aus der Krimiserie, wird sie alleine mit Barbara Havers als Hauptperson weitergeführt? Diese und ähnliche Spekulationen hatte ich zumindest angestellt – und eines vorweg: sie wurden nicht gelöst.

Statt dessen wird Lynley also auf eine absurd unglaubwürdige Weise in eine Mordermittlung als Verdächtiger und Ermittler gleichzeitig hinzugezogen, und – wohl, um das große Interesse der Leserschaft an dieser charismatischen Figur zu befriedigen – dann auch noch Barbara Havers aus London als Leihgabe hinzugeholt.

Aber selbst wenn man diese Wendung noch schluckt, muss man sich als Leser durch viele Seiten quälen, in denen bewusst immer nur winzige Informationshäppchen über die Familie des Toten und dessen ehemaliger Freundin bekannt werden, sowie auch zu Dairdre. Ach ja, und das Privatleben der Ermittlerin, Bea Hannaford, darf natürlich dabei auch nicht vernachlässigt werden. Diese ältere, sehr originelle Frau hatte mir zwar an sich gut gefallen, ihr forscher Ton war recht erfrischend, aber in ihrer Beziehungsgeschichte war ein falscher Ton.

Und diesen falschen Ton habe ich leider auch um Thomas Lynley herum empfunden. Leider ist es der Autorin nicht gelungen, die Gratwanderung zwischen Trauer und neuer Teilnahme am Leben so zu beschreiben, dass man als Leser mitempfindet; im Gegenteil, für die Trauer kommen ihr nur immer wieder dieselben Gemeinplätze, dafür agiert er danach frisch und forsch und nur ziemlich unlogisch.

Für mich zählt dieser – allerdings auch mit einigen Erwartungen behaftete – Roman nicht gerade zu den Höhepunkten der Serie. Ich werde zwar auch den nächsten Band sicher lesen, weil ich einfach wissen will, wohin die Serie sich weiterentwickelt – aber wohl mit bedeutend weniger Vorfreude als “Careless in Red”.

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