Richard Yates – Zeiten des Aufruhrs (Revolutionary Road)

yatesAmerika, in den späten 50er Jahren: April und Frank Wheeler leben hier seit einigen Jahren in einem kleinen Haus. Sie haben zwei Kinder, Frank pendelt jeden Morgen in die Stadt, um zu arbeiten, während April sich um den Haushalt kümmert. Hätte man sie vor wenigen Jahren mit diesem Lebensentwurf konfrontiert, sie wären entrüstet gewesen – nie und nimmer würden sie so enden! Große Pläne und Träume hatten sie damals; Frank war nach dem Krieg am College, galt als brillianter Kopf; April wollte eine Karriere als Schauspielerin starten.

Als dann die Nachricht von Aprils ungeplanter Schwangerschaft kam, war für sie der Entschluss auch klar: dieses Kind sollte nicht zur Welt kommen. Frank hingegen kämpfte dafür, sorgte dafür, dass sie nun heirateten, dass er sich um einen – wenn auch sehr banalen – Job kümmerte, und als sich dann das zweite Kind ankündigte, war der Umzug aufs Land der nächste Schritt.

In der ersten Szene dieses Romans erlebt man April bei einem Auftritt der örtlichen Schauspieltruppe, die erst vor kurzem ganz ambitioniert gegründet worden war. Es war die Premiere, dieser Abend – und ein grandioses Scheitern. Während April in der ersten Szene die Mittelmäßigkeit des restlichen Ensembles noch vergessen ließ, wandelte sie sich in den Szenen danach zur verbrauchten Hausfrau, die sie ja auch war.

Diese Entzauberung inklusive der darauffolgenden Krise ist ein Motiv, das sich durch den ganzen Roman zieht; als Leser erlebt man mit, wie das Paar noch einmal eine Blüte erlebt, als es beschließt, nach Europa zu ziehen, nach Paris, das Frank schließlich aus dem Krieg kennt; während man schon ahnt, dass auch dieser Plan scheitern wird, hofft man als Leser trotzdem, dass es den beiden gelingen möge, ihr Schicksal noch zu wenden.

Es ist gar nicht so unbedingt die Handlung, die diesen Roman zu etwas so besonderem macht. Yates hat einen unglaublich genauen Blick auf ein ganz typisches Paar geworfen, das an sich höhere Erwartungen stellt, als es zu erfüllen fähig ist. Es ist ein Blick auf den Alltag, auf ein Verharren in Träumen, zu deren Umsetzung man sich aber nicht in der Lage sieht, bzw. auch gar nicht recht den Versuch dazu macht, weil es viel einfacher ist, im tragischen “ich konnte ja nicht” zu verharren.

Ein interessanter Nebeneffekt beim Lesen war für mich der Blick auf den Beginn des Computerzeitalters, aber auch ganz allgemein des damaligen Arbeitsalltags. Die Einstellung, die Frank zu seinem Job hat, die Beförderung, die er eigentlich mehr aus Zufall erhält, all das sind Mosaiksteinchen, die eine ganze Welt wieder lebendig werden lassen.

Aber trotz dieser Verankerung in einer vergangenen Zeit ist sehr vieles aus diesem Roman nach wie vor brandaktuell (was die Lektüre so anregend macht); es geht um den klassischen Lebensentwurf und das persönliche Scheitern. Ein Roman, den ich von ganzem Herzen empfehle!

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