Arno Geiger – Es geht uns gut

geiger“… und plötzlich war Hitler länger her als Franz Joseph, das hat den fünfziger Jahren den Weg geebnet, das hat Österreich zu dem gemacht, was es ist, …”

Ziemlich am Ende des Romans lässt der Autor hier Alma so mit ihrem Mann Richard sprechen, der sie zu dem Zeitpunkt aber schon nicht mehr wirklich versteht, denn der ehemalige Minister ist schon seit einigen Jahren dement.

Aber der Reihe nach. Im Frühjahr 2001 beginnt Philipp Erlach damit, die Villa seiner verstorbenen Großeltern auszuräumen. Im Dachboden haben sich Unmengen an Tauben eingenistet, und auch sonst hat sich im Haus im Verlauf von beinahe 100 Jahren sehr viel angesammelt, dessen er sich entledigen sollte. Dass er das deutlich entschiedener anstellen sollte, dieser Meinung ist zumindest Johanna, seine .. Ja, seine was eigentlich? Seit vielen Jahren schon führen sie eine Art Beziehung, dabei ist Johanna verheiratet und irgendwie immer noch nicht von ihrem Mann getrennt.

Und während Johanna ihm Schwarzarbeiter vermittelt, die zumindest den schlimmsten Dreck vom Dachboden räumen, spekuliert Philipp, wie die Geschichten seiner Großeltern, seiner Eltern, denn tatsächlich gewesen sein könnten. Darüber gesprochen wurde nicht, die Großeltern leben nicht mehr, genausowenig die Mutter, und der Vater ist schon vor vielen Jahren verstummt.

Es sind – so war zumindest mein Schluss – die Geschichten, die Philipp hier aus dem, was er weiß und dem, was er sich vorstellt, zusammenstellt, die man als Leser nun in Händen hält.

Als Richard und Alma sich kennengelernt hatten war er, der reiche Sprössling einer Hietzinger Familie, begeistert von dieser modernen, unabhängigen Frau. Dass sie ihr Studium dann aufgrund einer Schwangerschaft nicht beenden konnte, war das eine. Aber dann, nach dem Anschluss, war es auch mit ihrer Geschäftsführung in einem Wäschegeschäft vorbei, nachdem Richard hier sein Geld rausgezogen hatte. Warum, das hat sie bis zuletzt nie erfahren; nie hatte Richard ihr von dem Besuch eines Gestapo-Mitarbeiters erzählt, der ihn auf die neue Linie einschwören wollte.

Es ist dieser Widerstand, der ihm dann nach dem Krieg die Türen öffnet zu einer Karriere in der Regierung; er ist mit beteiligt an den Verhandlungen zum Staatsvertrag, fehlt nur am Foto, weil sein eitriger Zahn zu diesem Zeitpunkt entschieden auf sein Recht pochte. Und so konservativ wie hier im Politischen würde er es auch gerne in der Familie regeln. Doch schon Sohn Otto hatte sich politisch bereits in sehr jungen Jahren gegen die Ansichten des Vaters gestellt, war ein leidenschaftlicher Hitlerjunge geworden und dann auch in den letzten Tagen des Krieges bei der Verteidigung Wiens gestorben.

Und Ingrid, die Tochter, hatte sich nun ausgerechnet in einen jungen Habenichts verliebt, der sogar für sein Mittagessen Schulden machen musste. Wenig diplomatisch versucht er ihr, die Beziehung zu verbieten und treibt sie ihm dadurch nur noch mehr in die Arme.

Es wird keine besonders glückliche Ehe, aus der dann zwei Kinder hervorgehen, Sissi und besagter Philipp, den wir schon von den Aufräumarbeiten kennen.

Soviel zum Rahmengerüst der Handlung im Kurzdurchlauf; was hier vielleicht sehr banal klingt, ist im Roman deutlich besser aufgelöst. Geiger gelingt es über weite Strecken wirklich gut, ein Stimmungsbild Österreichs von den Jahren zu zeichnen, die er streift. Besonders gut gelungen ist ihm dabei die Beziehung zwischen Alma und Richard, die auch am lebendigsten geschildert wird. Gerade auch dadurch natürlich, dass Richard sehr klare Kanten hat, wird er zu einer Persönlichkeit, die man sich gut vorstellen kann, die unverwechselbar ist. Um das auch bei den anderen Protagonisten ähnlich ausführen zu können, dazu fehlt der lange Atem.

Es ist keine chronologische Erzählweise; in Schlaglichtern wird aus verschiedenen Jahren berichtet, so dass man zum Beispiel auch lange vor dem tatsächlichen Tod erfährt, dass Ingrid sehr früh stirbt. Stilistisch haben mir zwar die eingestreuten Nachrichtenschnipsel nicht sonderlich gefallen, aber mit diesen wenigen Worten ist dem Autor doch gelungen, sofort eine Einordnung in einen historischen Kontext zu schaffen.

Ich hätte mir ein bisschen mehr noch erzählt gewünscht, und als Ausgleich dafür die Gegenwartsgeschichte stark gekürzt, die ist mir in ihrer Künstlichkeit dann nämlich spätestens mit dem Einzug der Schwarzarbeiter in die Villa zu viel geworden und gleichzeitig zu uninteressant.

Alles in allem aber war ich positiv überrascht von diesem Buch; meine Erwartungshaltung war eher niedrig. Was mir besonders gut gefallen hat war die Art, wie er das Unvermögen der Kommunikation in den Beziehungen thematisiert als auch die Veränderungen im Zeitgeist. Die anfangs erwähnten paar Zeilen zeigen aber auch, dass es hier um Österreichs Geschichte geht, auch darum, wie im Land mit dieser Geschichte umgegangen wird. Diverse Austrizismen auch in der Sprache sind demnach ebenfalls zu erwarten.

Kein Top-Buch für mich – aber eines, das mir doch deutlich besser gefallen hat als erwartet.

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