Agota Kristof – Die Analphabetin (L’Analphabète) – gelesen von Hannelore Hoger

kristof-analphabetinAgota Kristof – dieser Name begegnete mir in Diskussionen in der Leselust immer wieder, doch dachte ich, es wäre nicht unbedingt eine Autorin, die mir liegen würde.

Dieses kurze Hörbuch, die autobiographische Erzählung, hat mich jedoch eines Besseren belehrt. Mit ganz schlichten, unprätentiösen und vor allem auf gänzlich unsentimentale Weise erzählt die Autorin hier (zwar in der Ich-Form, aber doch immer in erzählerischem Kontext) von einer zwar ärmlichen, aber glücklichen Kindheit; davon, wie sie schon mit 4 Jahren lesen konnte, weil sie zur Strafe so häufig zum Vater, der Dorfschullehrer war, in die Klasse geschickt wurde, wo sie dann stillzusitzen hatte.

Worte, Geschichten – sie sind wie die Luft zum Atmen für das Mädchen, das schon früh anfängt, selbst Geschichten zu erfinden und zu erzählen, besonders gern dem kleinen Bruder, der leicht zu beeindrucken ist.

Ihr Weg führt sie danach in ein Internat; strenges Regiment, inhaltliche Unterforderung, dazu dann auch kurz darauf die zwingende Verordnung, russisch als einzige Fremdsprache zu lernen; es werden nur Episoden erzählt, hier dann auch schon vermischt mit ihrem späteren Leben in der Schweiz.

Mit knapp über 20 flieht sie, mit ihrem Mann und der erst wenige Monate alten Tochter, über die Grenze nach Österreich und landet schließlich in der französischsprachigen Schweiz. Hier ist sie gezwungen, eine neue Sprache zu erlernen; eine Sprache, die nicht ihre Muttersprache ist, und die ihr deshalb, so gut sie sie auch erlernen mag, immer wie die Sprache eines Besetzers erscheint. Aber das Allerschlimmste für sie ist der Verlust der Fähigkeit, lesen zu können; denn auch wenn sie die Sprache bald gut spricht, ist sie doch nicht in der Lage, sie zu schreiben, zu lesen, lernt mit ihren Kindern mit.

Wen wundert es, dass Agota Kristof sich hier als Bewunderin des österreichischen Autors Thomas Bernhard zeigt? Ihr Text ist zwar nicht von dieser Bitterkeit geprägt, und auch stilistisch haben die beiden nichts gemeinsam. Was sie aber für mich durchaus in Zusammenhang bringt ist ein sehr genauer, kritischer Blick und ein Gespür für Misstimmigkeiten, die unter den Teppich gekehrt werden sollen.

Obschon diese Erzählung relativ kurz ist, gab es doch eine ganze Menge Szenen, die mich sicher noch lange beschäftigen werden. Da ist zum Beispiel einerseits die unkomplizierte Hilfsbereitschaft, die den Flüchtlingen in Österreich und der Schweiz entgegengebracht wird; aber trotzdem merkt man auch eine Distanz, eine Herablassung, die durch die Tatsache, dass sie, die Flüchtlinge, die Sprache nicht beherrschen, noch verstärkt wird.
Dann gibt es Szenen, die bei vielen der Flüchtlinge eine tief sitzende Angst vor erst vor kurzem Erlittenem emporschießen lässt, wenn sie in den Lagern in die Waschräume geführt werden, und so manches mehr.

Mich jedenfalls hat diese Erzählung sehr sehr beeindruckt; der Sprecherin, Hannelore Hoger, hier ebenfalls ein großes Kompliment, denn ihrer Stimme habe ich mit Faszination gelauscht.

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