Isabel Allende – Die Stadt der wilden Götter (La ciudad de las bestias)

allendeamazonasWer “Die Stadt der wilden Götter” kaufen oder lesen will, weil er ein typisches Allende-Buch erwartet, sollte sich über eines im Klaren sein: dieses Buch ist ein Kinderbuch. Es ist keine Familiensaga, beinhaltet nichts, was man normalerweise in einem Allende-Roman findet, es ist eine Abenteuergeschichte, und, ich wiederhole mich, ein Buch für Kinder beziehungsweise Jugendliche. Was natürlich nicht ausschließt, dass man auch als Erwachsener daran seinen Spaß haben kann. Entsprechend soll hier auch darauf hingewiesen werden, dass das Buch zeitgleich in zwei verschiedenen, unterschiedlich teuren Ausgaben erscheint: Einmal als qualitativ höherwertige gebundene Suhrkamp-Ausgabe, einmal ebenfalls gebunden, aber für Kinder aufbereitet bei Hanser.

Aber nun zur Geschichte. Da Alex´ Mutter schwer krank ist und sein Vater sie ins Krankenhaus begleitet, wo sie sich einer schwierigen Chemotherapie unterziehen soll, werden die Kinder zu den Großmüttern geschickt; die Mädchen zur geliebten Mutter ihrer Mutter, und er soll zu Kate, der ganz und gar nicht omahaften Mutter seines Vaters.

Kate, so wird ihm gleichzeitig beschieden, hat einen Reportageauftrag am Amazonas, und er soll sie dahin begleiten. Im noch weitgehend unerforschten Gebiet soll eine Bestie gesichtet worden sein; ein Wesen, über drei Meter hoch, das einen bestialischen Gestank verströmt, der alle, die ihm ausgesetzt sind, betäubt.

Es ist eine seltsame Truppe, die zu dieser Expedition aufbricht; neben Alex und seiner Großmutter sind da unter anderem noch ein berühmter Anthropologe, ein einflussreicher Geschäftsmann, Soldaten, eine Ärztin, die die Ureinwohner des Amazonas gegen die Zivilisationskrankheiten der Weißen immunisieren soll, und auch ein junges Mädchen, Nadja, die eine seltsame Vertrautheit mit den Eigentümlichkeiten des Dschungels zur Schau stellt.

Die Spannungen zwischen den einzelnen Expeditionsteilnehmern sind von Anfang an zu spüren; die Männer scharwenzeln um die attraktive Ärztin herum, und Alex und Nadja hören zufällig ein Gespräch mit an, das sie ahnen lässt, dass auch noch andere Ziele mit dieser Expedition verbunden werden. Immerhin ist bekannt, dass hier im Urwald noch unermessliche Bodenschätze warten – nur die Ureinwohner, deren Lebensraum von der Regierung geschützt wird, stehen der Erschließung im Wege.

Vor dem Aufbruch erhalten Nadja und Alex noch eine Warnung von einem alten Schamanen; sie sollen nicht aufbrechen, es wird Tote geben. Nur sie beide, die sie weiße Seelen haben – sie werden gerufen, sie werden gebraucht. Denn nur sie beide können das Schicksal der Nebelmenschen, eines Indianerstammes, den noch keiner zu Gesicht bekommen hat, noch retten…

Auch wenn *Die Stadt der wilden Götter* ein Kinderbuch ist – manchmal würde man sich als Leser doch wünschen, die Autorin hätte nicht ganz so dick aufgetragen mit ihrer Personenzeichnung. Der Anthropologe geht nicht nur allen Expeditionsteilnehmern mit seiner Selbstgerechtigkeit gehörig auf die Nerven, auch als Leser stöhnt man schon, wenn man nur seinen Namen liest. Auch sonst sind manche Fabelwesen, manche Einfälle, die aus Märchen wohlbekannt sind, etwas plump wieder gegeben.

Aber insgesamt hat die Autorin hier doch einen sehr spannenden Entwicklungsroman geschrieben; gerade das Initiationsritual, das Alex bei den Nebelmenschen durchlaufen muss, um als Mann zu gelten, ist zum Beispiel sehr eindrucksvoll und lebendig geschildert, wie überhaupt alles, was mit den Riten der Indianer zusammen hängt.

Denn neben der spannenden fiktionalen Geschichte bietet dieser Roman vor allem eines: einen Hinweis darauf, dass wir, die westliche Welt, drauf und dran sind, diesen unglaublichen Lebensraum des Amazonas zu zerstören.

Ein Gefühl dafür, was das heißt – das vermittelt dieser Roman kindgerecht. Warum schon ein Schnupfen gefährlich sein kann, was passiert, wenn die Wälder gerodet werden, und was man mit Zivilcourage dann doch alles ausrichten kann, das versucht die Autorin uns in diesem Roman zu vermitteln.

Trotz einiger Unzulänglichkeiten, trotz des Namens der Autorin – *Die Stadt der wilden Götter* lässt sich gut lesen, ist spannend und weckt hoffentlich das Interesse der jungen Leser für den Amazonas.

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