Urs Widmer – Der Geliebte der Mutter

widmermutterAls sie ihn kennen lernt, ist sie die Tochter eines reichen Mannes – und er ein junger, unbekannter, aber ambitionierter Dirigent. Er gründet ein Jugendorchester, spielt die verpönte neue Musik – und sie wird sehr rasch Dauerbesucher dieser Konzerte.

Bald übernimmt sie weitere Aufgaben, organisiert, kümmert sich – und darf zum Lohn auch auf die erste Gastspielreise nach Paris mit. Hier passiert es – Edwin nimmt sie wahr, nimmt sie mit in sein Bett, und sie lässt es zu: denn er ist der “Richtige”.

Wieder zurück, folgt der schwarze Freitag; auch ihr Vater verliert seinen gesamten Besitz, und fällt tot um, als er die Nachricht morgens in der Zeitung liest.

Sie muss ihr Leben einschränken, doch sie kümmert sich immer noch um das Orchester; und Edwin kommt sie nach wie vor von Zeit zu Zeit besuchen. Doch eines Tages erfährt sie: er hat geheiratet. Ohne ihr auch nur ein Wort zu sagen. Seine Frau ist eine von denen, die reich geblieben sind.

Auch die Mutter heiratet, hat ein Kind; aber ihre große Liebe, ihre Besessenheit gehört Edwin. Mit 82 Jahren stürzt sie sich dann aus dem Fenster; seinen Namen auf den Lippen…

Für ein so dünnes Büchlein (nur knapp etwas mehr als 100 Seiten) passiert hier eine ganze Menge – und das heißt auch: für langsamen Szenenaufbau, für tiefe Betrachtungen bleibt keine Zeit.

Ich persönlich war von diesem Buch etwas enttäuscht; bislang mochte ich die Bücher von Urs Widmer sehr, und schätze vor allem seinen Humor.

Doch in diesem Roman gab es eigentlich nur eine Stelle, die mich wirklich begeistert hat; die Mutter kommt aus der Nervenanstalt zurück, und beginnt, den Blumengarten zu verwüsten, und statt dessen Gemüse zu pflanzen. Während sie das Unkraut jätet, überzieht Hitler Europa….

Die Mutter stellte den Koffer ins Schlafzimmer und hängte den Mantel in den Schrank, zog ihren ältesten Rock und die Bergschuhe an und ging in den Garten. Sie fällte den Fliederbaum und den Weißdorn und riss alle Narzissen, Tulpen, Osterglocken, Iris oder Schlüsselblumen aus. Sie grub den gerodeten Blumengarten – ein kahles Feld nun, von Horizont zu Horizont – mein einem Spaten um, sie allein. Es gab keine Männer mehr. Sie zerkleinerte die Schollen mit einer Hacke und warf alle Steine – viele, unzählige, der Acker war ein Steinfeld – auf einen Haufen, der bald ein Berg wurde. Sie fuhr mit dem Rechen durch die zerkleinerte Erde, immer wieder und nochmals, bis sie körnig war. Wie Mehl fast. (Hitler hetzte die Briten in Dünkirchen ans Meer.) Die Mutter stach Löcher mit einem Setzholz und zog mit dem Handrücken Furchen. Sie streute Samen aus kleinen Tütchen und drückte Setzlinge in der Erde fest. Begoss sie, einen nach dem andern, mit nicht zu kaltem Regenwasser, das sie in einer rostigen Tonne entnahm, die von einem kleinen Sumpf umgeben, neben dem Werkzeugschuppen stand. Schräg gehend und einen Arm in den Himmel streckend, schleppte sie Geißkanne, aus denen das Wasser schwappte. Sie rammte Holzstangen in den Boden, lange für die Kletterbohnen und kurze für die Erbsen. Unter dem Kastanienbaum und der Buche breitete sie Tücher aus und schlug, auf einer Leiter stehend, Maikäfer herunter. Tausende von braunen Käfern (Hitler zog, den Arm in die Höhe gereckt, in Paris ein), die sie in Eimer abfüllte und, das Kilo für fünf Rappen, zur Maikäfersammelstelle brachte; mit dem Fahrrad, die Eimer rechts und links an der Lenkstange; mehrmals haute es sie natürlich in das Brennesselfeld, in das sie die Käfer dann verkrümelten.

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