vorgestellt in der LESELUST  / Autorenportraits

Haruki Murkami

Haruki Murakami wurde am 12. Januar 1949 in Kioto geboren, wuchs aber in einer Vorstadt der Hafenstadt Kobe heran. Sein Vater war Sohn eines Buddhistenpriesters, seine Mutter Tochter eines Händlers in Osaka. Beide unterrichteten japanische Literatur in Kobe.

Aber schon von Kindheit an interessierte Haruki Murakami sich mehr für amerikanische als für japanische Literatur; da Kobe eine Hafenstadt war, viele amerikanische Marinesoldaten hier stationiert waren, hatte er es nicht schwer, in den Second-Hand-Buchläden an amerikanische Paperbacks zu gelangen. 

Nach Studiumsabschluss (
Theaterwissenschaft und Drehbuchschreiben) jobbte er erst in einem Plattenladen, ehe er in Tokyo seine erste Jazzbar eröffnete, "Peter Cat", die er von 1974 - 1982 führte. 

Er hatte gleich nach Studienabschluss geheiratet (und ist mit dieser Frau auch immer noch verheiratet, klammert seine Familie bei Interviews jedoch aus) - was bedingte, dass er sich ins Erwerbsleben stürzte. Doch von Anfang an war ihm klar, dass er in einem der japanischen Unternehmen mit der dort üblichen Hierarchie nicht würde arbeiten können. Dazu fühlte er sich zu sehr als Individualist. 

Wie es kam, dass er zu schreiben begann, erzählt er selbst so: 
nachdem an einem Aprilabend 1978 der Amerikaner Dave Hilton beim Spiel der Yakult Swallows gegen die Hiroshima Carp zum Schlag ausholte und den Ball extrem weit schlug wusste er, "ich kann einen Roman schreiben". 

1979 erschien dann auch das erste Buch  "Hear the Wind Sing". Dieser Titel wurde zwar ins Englische übersetzt, ist mittlerweile aber nur noch antiquarisch zu erhalten, wie auch der ein Jahr später erschienene Roman "Pinbal, 1973". Da der Autor sich mittlerweile von seinem Frühwerk distanziert und es keine Neuauflagen der englischen Übersetzungen geben wird, besteht für die deutschen Leser wenig Hoffnung, diese Bücher jemals zu Gesicht zu bekommen. 


"I´ve been writing novels for 20 years, but I haven´t been very ambitious. I´m totally dissatisfied with my earlier work; I was unhappy, like a lost boy" .


Zu dieser Zeit, Anfang der 80er Jahre, beginnt Murakami auch, die Werke einiger von ihm favorisierter Autoren aus dem Amerikanischen ins Japanische zu übertragen; F. Scott Fitzgerald, Raymond Carver, Truman Capote, John Irving, Paul Theraux, C.D.B. Bryan, Tim Brien, Mikal Gilmore, Mark Strand, Grace Paley, Bill Crow und diverse Kurzgeschichten. Diese Übersetzertätigkeit übt er auch heute noch aus. 

Für seinen 1982 erschienen Roman "A Wild Shep Chase" / "Wilde Schafsjagd" erhält er den
Noma Literary Prize for New Writers. 

Generell ist ihm die japanische Literaturkritik jedoch nicht besonders wohlgesonnen; seine Bücher sind zu westlich orientiert, und vor allem: die Sprache, die er verwendet, hebt sich deutlich von der traditionellen japanischen Struktur ab. Er musste, um die Individualität seiner Protagonisten deutlich zu machen, einen ganz eigenen Sprachstil erfinden - was für uns westliche Leser in den Übersetzungen nicht spürbar wird, da es eben ein sehr westlich geprägter Stil ist, der uns im Gegenteil das Verständnis und den Zugang sehr erleichtert. 

1985 erscheint  "Hard-boiled Wonderland and The End of the World" / "Hard-boiled Wonderland und Das Ende der Welt" - gefolgt 1987 von seinem ganz großen Erfolg "Norwegian Wood" / "Naokos Lächeln". Von diesem Buch werden in Japan 4 Millionen Stück verkauft - eine unglaubliche Auflage. Plötzlich steht der Autor im Rampenlicht; die Jugendlichen sehen in seinem Buch eine Art japanischen "Fänger im Roggen". Auch heute noch ist dieses Buch in Japan ein Kultbuch.

Haruki Murakami jedoch lebt lieber ein zurückgezogenes Leben. Die folgenden Jahre sind geprägt durch lange Auslandsaufenthalte in Europa, vornehmlich Griechenland und Rom,  ehe er sich in den USA, (Cambridge, Massachusetts) niederlässt.  

In dieser Zeit entstehen die Romane  "Dance, Dance, Dance" / "Tanz mit dem Schafsmann" (im März 2002 auch in Deutschland erschienen) und  "South of the Border, West of the Sun" / "Gefährliche Geliebte". Für Letzteren erhielt er den angesehenen
Tanizaki Prize.  

Während seiner Zeit als Gastprofessor in Princeton studierte er Archivunterlagen über die japanischen Kriegsgräuel während des zweiten Weltkriegs. Diese Spurensuche gehörte für ihn zur literarischen Bewältigung eines Vaterkonflikts. Der Vater hatte sich über seine Beteiligung an japanischen Kriegsverbrechen nur vage ausgelassen. Für Murakami war diese Verdrängungskunst so unerträglich gewesen, dass er die Beziehungen zum Vater abgebrochen hatte. Verwertet hat er diese Informationen in seinem bislang ambitioniertesten Werk, "The Wind-Up Bird Chronicle" / "Mister Aufziehvogel", das in Japan 1994 / 1995 erschien.

Mit diesem Roman gewann Haruki Murakami den Yomiuri Literary Award, der ihm von Kenzaburo Oe überreicht wurde - eine doppelte Auszeichnung, weil Oe früher einer seiner schärfsten Kritiker war.  

1995, während Murakami noch dabei war, seinen Roman zu vervollständigen, gab es zwei Ereignisse, die Japan erschütterten: Der Giftgasanschlag in der Tokioter U-Bahn und kurz darauf das Erdbeben in Kobe. Für ihn war dies der Anlass, wieder nach Japan zurückzugehen. 

Dieser Terroranschlag hat ihn sehr beschäftigt; soeben sind auch in Deutschland unter dem Titel "Untergrundkrieg"  seine Interviews mit Opfern und Mitgliedern der AUM-Sekte herausgekommen. 

Heute lebt er in Ousio, einer Vorstadt von Tokyo (ca. 70 min mit dem Zug). 

Seine Protagonisten sind fast immer auch leidenschaftliche Schwimmer - so auch Murakami. Aber er ist auch Marathon-Läufer und hat schon mehrfach in Boston und New York am Marathon teilgenommen. In Japan ist auch ein Essay übers Laufen veröffentlicht worden, der bislang nicht offiziell in Englisch oder Deutsch veröffentlicht wurde. 

Generell wurden bislang hauptsächlich seine Romane in andere Sprachen übertragen; dabei sind in Japan auch außer den in  "Untergrundkrieg" versammelten Essays viele veröffentlicht worden. 

Auch bei seinen Erzählungen können wir uns bestimmt noch auf so manche Übersetzung freuen, denn die beiden bislang in Deutsch veröffentlichten Bände "Als ich eines schönen Morgens im April das 100%ige Mädchen sah" und "Der Elefant verschwindet" sind nur ein Auszug aus den ersten der insgesamt 9 Erzählbände, die in Japan erschienen sind. 

Zum Schluss noch ein Auszug aus einem Interview: 

I write weird stories. I don't know why I like weirdness so much. Myself, I'm a very realistic person. I don't trust anything New Age -- or reincarnation, dreams, Tarot, horoscopes. I don't trust anything like that at all. I wake up at 6 in the morning and go to bed at 10, jogging every day and swimming, eating healthy food. I'm very realistic. But when I write, I write weird.


Ergänzung am 4. April: 
In einem Interview mit dem Focus (12/2002) hat Haruki Murakami bekannt gegeben, dass er soeben seinen neuesten Roman fertiggestellt hätte; der Titel lautet "Kafka am Strand". 

"Es geht um einen 15-jährigen Jungen, der schreckliche Situationen durchleiden muss. Aber die Geschichte geht gut aus. Er überlebt. Er ist ja noch ein Junge und hat deshalb ein Happy End verdient."



Quellen: 
Interviews

Zur Bibliographie

Die schräge Welt des Haruki Murakami


Lesung: Haruki Murakami in Berlin, 2. Oktober 2002


Mehr Literatur aus Japan




© Daniela Ecker

März - Oktober 2002

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