Corpsing (von Toby Litt)

© deutsche Übersetzung: Volker von der Gönna
Abdruck mit Genehmigung des Autors und des Übersetzers

1

 

 

Conrad? Hier ist Lily. Hi. Ja. Gut, dass ich dich erreiche. Wie geht´s? Wirklich? Das klingt - ermutigend. Pass auf, mich hat jemand sitzenlassen. Ich hab `nen Tisch in einem Restaurant, Le Corbusier in Soho. Kennst du das? Mm-hmm. Ja, aber das Essen ist erstklassig – und wir müssen uns dringend treffen. Du weißt, es gibt da ein paar Dinge, über die sollten wir unbedingt mal reden. Warum erledigen wir’s nicht heute Abend  bei einem Essen – lass uns das Angenehme mit dem Nützlichen verbinden. Es ist halt eine schwierige Situation. Und ich mache dir auch keine Szene, wenn du´s nicht tust. Conrad, das war ein Scherz. Mein Gott! Acht Uhr, okay. Willst du dich vorher noch auf einen Drink mit mir treffen? Niemals. Hey. Das war ein Sche... Mhhh. Touché. Okay, ja-oh. Ja, es sind ein paar da. Ich bring sie mit. Herrgott. Mhhhh-ja. Gut, bis nachher.

 

 

Lily hat mich im Schneideraum von Discovery Channel erwischt, deshalb sitzt der Cutter Chris – alle Cutter heißen übrigens Chris – mit einem fetten, dümmlichen „ich hör gar nicht zu“ Grinsen im Gesicht, neben mir. Wir stellen den sechsten von sieben grauenerregenden Trailern für unsere Hai-Woche zusammen. Ein großer Weißer Hai ist vor uns auf dem Bildschirm eingefroren, in dem Moment als er eine wassermelonengroße Scheibe aus dem rechten Oberschenkel eines Tauchers herausreißt.

Ich sehe keine Chance, dieses Hai-Gemetzel in eine Sendung reinzubringen, die zur besten Zeit über die Bildschirme gehen soll. Aber Chris und ich lieben es, uns das Ganze vorwärts und rückwärts in Superzeitlupe anzuschauen, jede einzelne blutige Einstellung.

In dem Moment als Lily anruft, benutzen wir das weit aufgesperrte Maul des Großen Weißen gerade als eine Art Screen-Saver. Wir überlegen, was wir als nächstes tun wollen – mehr Kaffee oder Fast Food bestellen.

Ich versuche nicht einmal Lily vorzumachen, ich hätte heute Abend etwas Besseres zu tun.

 

2

 

Auf dem Weg zum Restaurant bemühe ich mich inständig nicht daran zu denken, was da auf mich zukommt: mein erstes Date mit Lily, nachdem sie mir den Laufpass gegeben hat.

Als ich die Frith Street runterlaufe, bin ich noch einigermaßen gut drauf.

Ich denke: Ich werde an einem Tisch mit ihr sitzen. Ich werde mir mein Essen aussuchen. Als würde es mich kümmern, was ich esse. Als würde ich mich ums Essen sorgen oder um Restaurants oder sonst irgendwas.

Nichts außer ihr, außer uns liegt mir am Herzen.

Lily ist schon da – sie steht an der Bar im Parterre und flirtet mit dem Barkeeper. Sie sieht fantastisch aus wie immer. Ich habe sie noch nie in dem Outfit gesehen. Es muss neu sein: ich kenne alle ihre Kleider, sogar diejenigen, die es nie aus dem Kleiderschrank heraus geschafft haben.

Ich glaube, sie trägt auch ein neues Parfum.

„Hallo, Sakko“  sagt Lily.

Es ist ein alter Scherz  - ein intimer Scherz, gerade jetzt in dieser Situation  besonders schmerzhaft: ich habe nur einen Anzug und wenn wir uns in der Stadt trafen, vor einer Party, zu der Lily eingeladen und bei der ich höchstens geduldet  war, begrüßte Lily den Anzug und nicht mich. Manchmal, pflegte sie zu sagen, stelle sie sich vor mit dem Anzug auszugehen, und nicht mit mir - ich  käme nur mit, um dem Anzug Leben einzuhauchen (mehr recht als schlecht übrigens, andere hätten es besser drauf gehabt). 

Als mir klar wird, was Lily da gerade gesagt  hat, fange ich an, mich unwohl zu fühlen: Lily hat das Recht eingebüßt, den Sakkoscherz zu machen. Wenn  sie dieses Recht zurückhaben will, muss sie  mich erstmal zurücknehmen. Was sie vielleicht auch tut. Es könnte ja der Grund für unser Treffen sein.

„Hallo, Fummel“

„Oh, magst du es? Es ist brandneu – von Ghost.“ 

Der Maitre d´ steuert auf uns zu. Der Maitre d´ wendet sich an Lily. „Ich fürchte, es dauert ein wenig, bis Ihr Tisch frei wird“

„Prima“ sagt sie lächelnd.

 

3

 

Lily ist Schauspielerin. Jetzt, zum Zeitpunkt unseres letzten Treffens ist sie am ehesten wegen ihrer Rolle in einer Reihe von TV-Werbefilmen bekannt.

In jeder Werbung schlüpft Lilys Fernsehcharakter (Bran-dy) in eines von unterschiedlichen mainstream-Fetischoutfits – verspieltes Hausmädchen, kecke Schülerin, nymphomanische Skilehrerin, peitschenschwingende Domina – in einem immer wiederkehrenden Versuch ihren braven-aber-blöden Ehemann (Cyril) zu einem kleiehaltigen Frühstücksmüsli zu bekehren. Die Pointe, die immer gleich bleibt, geht so: sobald Brandy ihr Markenzeichen, einen empörten Schmolllaut von sich gegeben  und die Küchentür hinter sich zugeschmissen hat, holt der brave-aber-blöde Cyril linkisch eine große Schale des kleiehaltigen Frühstücksmüslis hinter einem Werbeblättchen hervor. Er grinst dann dreist in die Kamera, zwinkert gewinnend und beginnt sich vollzustopfen.

Tusch-Aplaus.

Lilys Müsliwerbespots gehören alle zu einem fremdartigen Parallel-

Universum, dem Kosmos der Reklamefilme – wo es nur Primärfarben gibt, Perspektiven neo-expressionistisch sind, Gesten aus Comics stammen und  Schmerz nicht existiert.

Und für die meisten Menschen ist es das Universum, in dem Brandy-Lily für immer präsent bleiben wird. Glückselig verheiratet mit einem Mann, der sie zynisch hintergeht; endlose Angebote an ihn, unendliche Male zurückgewiesen; ständig schwankend zwischen himmelhoch jauchzend und zu Tode betrübt. Für die meisten Leute ist Brandy-Lily in einer immerwährenden Hölle.

Ungefähr ein Jahr bevor ich sie kennenlernte, war Lily sechs Monate im EuroDisney – dort spielte sie Schneewittchen mit einer schwarzen Perücke und einem furchtbar unbequemen Mieder. Wie auf Knopfdruck konnte sie dabei in die Rolle des niedlichen Schneewittchens mit ihrer piepsigen Stimme schlüpfen. Wenn Lily etwas als geborene Schauspielerin auszeichnete, dann war es die Fähigkeit, ihre Stimme zu modulieren. Die Lachfalten, die sie durch das ganze professionelle Lächeln in Mauschwitz bekam, verschwanden niemals völlig – so wie sie es erzählte, war am Ende jeder Schicht ihr Gesicht wie paralysiert. Ein sicherer Weg, um Lily zum Ausrasten zu bringen war es, wenn ich während der Arbeit pfiff.

Nach Schneewittchen  hatte sie ein paar Monate  Pause, bevor sie für eine Fernsehproduktion einer Kriminalgeschichte gecastet wurde. Ihre Rolle war recht einfach: sie zog sich aus, nahm eine Dusche und wurde grausam ermordet. Das war ihr Durchbruch.

Zum Zeitpunkt unseres Treffens habe ich diese Szene immer noch zu Hause auf Video. Seit sie mich verlassen hat,  hat die Aufnahme deutliche Abnutzungsspuren entwickelt. Ich habe vor, es demnächst zur Arbeit mitzunehmen und eine Kopie anzufertigen.

Die Rolle als Brandy bringt Lily genug Geld ein, um das Le Corbusier für sie erschwinglich scheinen zu lassen.

Während wir auf den Tisch warten, erzählt mir Lily von ihren neuesten Erfolgen. Sie hat gerade die Hauptrolle in einem voraussichtlich kontroversen  neuen Stück am Royal Court bekommen. Es heißt Deathsex und handelt von Frauen und Leichenschändung. Sie denkt daran, mit Werbung aufzuhören.

Wirklich, Lily wird groß rauskommen und das sehr schnell.

Sie hat eben das gewisse Etwas.

 

4

 

„So,“ sagt Lily.

Mein Leben spielt sich ganz anders ab als ihres – es ist ein langsames, schmerzvolles Akzeptieren (anfangs nur mit der vagen Ahnung einer Möglichkeit, dann der Befürchtung und schließlich dem sicheren Wissen) dass ich das gewisse Etwas nicht habe.

Stattdessen arbeite ich beim Fernsehen als Produzent in der Werbung – der alles für jeden Satellitensender zurecht schneidet, der mich in dem entsprechenden Monat bucht.

Ich wollte immer Filme machen. Schon in der Schule dachte ich ständig über billige Spezialeffekte nach, die sich in Low-Budget Filmen verwenden lassen würden. (Wenn du möchtest, dass ein Waschbecken so aussieht als hätte jemand reingekotzt, schütte eine Fünf-Minuten-Terrine hinein. Wenn du was brauchst, was wie Sperma aussieht, nimm Creme-Shampoo). Unnötig zu erzählen, dass ich nie die Chance bekam, Billig-Kotze oder Low-Budget-Sperma anzuwenden. (Eine Schande, dass ich nie eine gute Idee für Filmblut hatte – Ketchup bringt´s einfach nicht.)

Es ist mein ultimativer Wunsch, eine Reihe von abendfüllenden Kinofilmen zu schreiben und die Regie zu führen. Ich möchte zwei Oscars gewinnen (bestes Drehbuch, beste Regie), weltberühmt und geliebt sein.

Stattdessen werde ich rumgeschubst von einem Haufen abnehmend talentierter und zunehmend pampiger Drehbuchschreiber.

Als begeisterter Film-Fan habe ich zusammen mit diesen Schreibern in Kneipen und Bars gesessen und über Tarkovski und Tarantino, über Huston und Hitchcock diskutiert. Wie Versicherungsvertreter auf der Lauer nach einem Vertragsabschluss haben wir uns an Produzenten herangemacht, haben massenhaft aufmunternde Worte, aber niemals Geld für ein Projekt ergattert. An hunderten von BBC-Kurzfilmwettbewerben haben wir als Drehbuchschreiber/Regisseur-Teams teilgenommen und sind regelmäßig in der ersten Runde gescheitert.

Ich bin jetzt dreißig und ich weiß, dass die Dinge für mich nie so laufen werden, wie sie für Lily laufen.

Ich habe das gewisse Etwas eben nicht.

Lily weiß das.

Das gewisse Etwas – oder mein Mangel daran – könnte einer der Gründe dafür sein, dass sie mich verlassen hat.

Wir müssen darüber reden – oder einfach über irgend etwas anderes.

„Das ist lächerlich,“ sagt Lily und meint mein langes Schweigen.

„Ihr Tisch ist frei,“ sagt der Maitre d´.

 

5

 

Es ist ein milder, kurzärmeliger Freitag Abend Ende August. Lily und ich sitzen einander gegenüber im ersten Stock von Le Corbusier, einem modernen französischen Restaurant mitten auf der Frith Street.

Der Innenarchitekt hat für die Gestaltung dieses innovativ-funktionalen Raums diverse internationale Preise gewonnen.

Der erste Stock sieht klinisch steril aus. Die Tische bestehen aus eiskaltem gebürsteten Aluminium. Die Wände sind zur Hälfte Spiegel, zur anderen Hälfte rostfreier Stahl. Der Boden ist aus hartem, fahlem, unpoliertem Holz. Das Licht kommt aus Neonröhren, die zum Teil hinter den Rändern der Spiegel verborgen liegen. Das Essen wird auf weißem Porzellan serviert. Das Besteck ist aus Edelstahl, die Servietten aus weißer Baumwolle, die Serviettenringe aus glänzendem Edelstahl. Die Kellner tragen weiße Baumwolljacketts mit Edelstahlknöpfen. Baguette wird in einem Aluminiumkorb mit Edelstahlrand auf einer weißen Baumwollserviette serviert.

Der Kellner – mit fast kahlrasiertem Kopf und einem ausdrucksvollen Ziegenbart – nimmt unsere Bestellung auf: für mich Bovist und gegrillte Scholle, für Lily Spargel und Kalbsschnitzel.

Schnell haben wir uns auf einen 1992er Chardonnay geeinigt – der sich als aromatisch und gefällig herausstellt, das Bisschen jedenfalls, das wir bis dahin getrunken haben.

Das alles – das Restaurant, ja die bloße Idee dieses Restaurants – ist viel zu teuer als dass ich es mir leisten könnte.

Aber ich kann es mir noch weniger leisten, Lily das wissen zu lassen.

„Sehr gut,“ sage ich und gebe dem Kellner die Karte zurück.

Mir geht es alles andere als “sehr gut”.

 

6

 

Es sind jetzt sechs-Wochen-drei-Tage seit Lily und ich uns getrennt haben, ganz und gar nicht einvernehmlich und nur auf ihr Betreiben. Davor sind wir zwei Jahre zusammen gewesen und davon ein Jahr in der gleichen Wohnung. Die  Dachetage in Notting Hill, in der wir wohnten, gehörte ihr (und vor ihr ihren Eltern), also war ich derjenige, der ausziehen musste. Ich fand für mich eine Parterrewohnung in Mortlake, schäbig aber bezahlbar.

Als Lily sagte, sie würde mich nicht mehr lieben und keine Lust mehr auf mich haben, begannen Popsongs in meinem Kopf zu spielen. Nicht irgendwelche Popsongs, sondern richtig beschissene, die man besser vergessen sollte: ´Can´t smile without you´, ´Leaving on a Jet Plane´, ´All By Myself´, ´You´re an Uptown Uptempo Woman´ ( und ´I´m a Downtown, Downbeat Boy’). Ich saß auf dem Rand von dem, was jetzt ihr Sofa war, und heulte. Sie sagte mir, ich solle nicht so albern sein. Ich zog innerhalb von vierzehn Tagen aus. Ich erinnere mich daran, wie ich von der Wohnung in der Annahme fortging, ich  hätte sie das letzte Mal gesehen – die Schlüssel der Wohnungstür nicht mehr in meiner Hosentasche.

Und jetzt sitze ich hier mit Lily und starre sie über einen eiskalten, gebürsteten Aluminium-Tisch im Le Corbusier an.

Lilys Körper ist etwas, mit dem ich sehr vertraut bin – doch jetzt, wo er mir hier gegenübersitzt, hat er etwas Verbotenes an sich.

Ich kenne sie sehr gut und kann mich an die winzigsten Details erinnern: das leise Schaben, das ihre Fingernägel an einem Kopfkissen unter meinem Kopf machen; das schwache Knirschen ihrer Zähne, in den kurzen Augenblicken, nachdem sie einschläft (immer vor mir, übrigens) den schwefeligen Geruch ihres frühmorgendlichen Gähnens. 

Nie mehr werden meine Fingerspitzen ihren harten, flachen Bauch heruntertasten. Nie wieder wird meine Zungenspitze in kleinen Zirkeln um ihre salzig-süße Klitoris kreisen.

Das ist empörend, denke ich. Das ist schon fast ekelerregend.

Ich erinnere mich an ihre Gewohnheiten, ihre Macken: wie sie  mir immer mein Kopfkissen in dem Moment stahl, wenn ich aus dem Bett stieg, um zur Arbeit zu gehen und seine Wärme an ihrem Bauch wiegte (etwas, was sie mit mir nur selten gemacht hat), wie sie meinen Erguss nach dem Oralverkehr schluckte, aber sich hinterher sofort die Zähne putzen muss, unfähig darauf zu verzichten.

Während ich ihr gegenüber sitze, spüre ich, dass ich fast so etwas wie ein   Recht auf ihren Körper in all seiner Intimität besitze. 

Während ich zu Lily hinüber sehe - über den sich zunehmend mit Gleichgültigkeit füllenden, immer breiter werdenden Abgrund unserer beiden so unterschiedlichen Erfolgsbilanzen - denke ich, „was ich wirklich will, ist dir ein Kind machen. Das soll ein Einschnitt in deinem Leben werden, so tief, dass die Narbe das erste ist, wovon die Leute reden, wenn  sie von dir reden, das erste, an das sie denken, wenn sie an dich denken. Und mehr als das, will ich, dass du dir wünschst, von mir ein Kind zu bekommen. 

Ich liebe sie immer noch.

Nach allem, was passiert ist, nach allem, was sie getan hat. Und ich liebe sie immer noch.

Jetzt redet sie mit mir.

„Bastard“ höre ich Lily sagen.

 

 

 

Kugel Nr. 1 (Die erste Kugel)

 

Die erste Kugel (es werden sechs sein: gerecht verteilt – drei für sie und drei für mich – ungerecht nur in ihrem zerstörerischen Ausmaß) dringt in Lilys Körper fünf Zentimeter neben ihrer linken Brust ein. Langsam, oder besser gesagt allmählich, jedoch in unendlich kleinen Schritten, die keinen Bruchteil einer Sekunde Zwischenraum lassen in der voran schreitenden Zeit, unbeirrbar auf ihrer Bahn, beginnt die Kugel ihren unvermeidlichen Weg durch Lilys Brustkorb. Ein kleiner brauner Leberfleck  in Form einer liegenden Acht, den sie ungefähr fünf Zentimeter neben ihrer linken Brust duldet und  der sich von der ansonsten tadellosen, bläulich-weissen Haut abhebt, wird nirgendwo im Autopsiebericht auftauchen und muss daher augenblicklich unter der Kugel verdampft sein – puff.  Schon bevor sie dieses kleine anfängliche Gemetzel begeht, hat die erste Kugel drei Meter klimatisierte Luft durchquert, hat sich durch die fließende graue Viskose von Lilys Ghost-Kleid gebohrt und hat die dünne schwarze Seide ihres Hemdchens aufgeschlitzt. Jetzt beginnt sich ihre fast perfekte Haut zu verformen, leistet Widerstand gegen die Vorwärts-bewegung der Projektilspitze, die einwärts gegen ihren zierlichen Brustkorb gerichtet ist, der sich von den Schultern bis zur Hüfte strafft – aber dann, nach dieser falschen, hoffnungslosen Gegenwehr, dringt die Kugel ein wie in Butter.

Spiralförmige Aussparungen, tief im Inneren der schuldigen Schusswaffe, die sogenannten Züge, übertragen eine Drehung gegen den Uhrzeigersinn auf das Geschoss.

Die Drehbewegung optimiert die Flugstabilität und verbessert somit die Treffgenauigkeit. Aber es ist die kinetische Energie und nicht der Spin des Geschosses, welche die Hautdehnung hervorruft und die Kugel in die oberste Hautschicht eindringen lässt.

Eintrittswunden sind offensichtlich sexy. Und auch wenn ich Lilys Wunden nicht in frischem Zustand sehen werde, so werde ich mir die Abbildungen anderer Einschüsse ansehen: die ringförmige Hautabschürfung, welche die Eintrittsöffnung umschließt, rohes Fleisch, hervorgerufen durch die Reibung zwischen Kugel und Haut, mit der Farbe von hellrosa Lippenstift unter fettigem Lippengloss. Während des langsamen Moments des Eintritts dreht sich die Kugel nicht nur, sie wedelt auch ein wenig, wie ein schwimmender Fisch, den man von oben betrachtet.

Trotz Verbesserungen in der Waffenfertigung in den letzten 25 Jahren (insbesondere durch eine höhere Qualität beim Walzen und in der Laufgestaltung), zeigen die Flugbahnen physikalischer Objekte immer eine gewisse Tendenz zur Instabilität.  Allerdings beginnt das Wedeln erst dann eine größere Rolle für die Flugbahn zu spielen, als diese erste Kugel die Luft verlässt und in die dichtere Materie eines Körpers eintritt.

Lilys Körper.

Nach der Haut und einer dünnen Fettschicht (vergib mir, Lily), einigen Blutgefäßen, Nerven und Membranen des Brustkorbs, tritt die Kugel in Lilys rote quergestreifte Brustmuskulatur ein: Musculus obliquus externus abdominis, Musculi intercostales externi, Musculi intercostales interni, Musculi intercostales intimi.

Während die Kugel durch das dichte, aber elastische Gewebe der Muskeln hindurchgeht, wird zeitweise eine Aushöhlung, etwas größer als der Durchmesser des Geschosses selbst - um sie herum und hinter ihr -  geschaffen. In der Zeitspanne von fünf bis zehn Millisekunden, nachdem sie das Gewebe durchquert hat, pulsiert die aufgerissene-zerfetzte Leere, hin und her, hin und her, und verteilt die Vernichtung seitwärts in Gewebe, das die Kugel gar nicht berührt hat. Dieses Phänomen ist als radiäre Gewebsverdrängung oder Kavitation bekannt.

 Als nächstes bricht die Kugel Lilys sechste und siebte Rippe. Die brachiale Kraft dieses Aufschlags sendet eine Reihe von Knochensplittern aus, mit der Mission, weiteren Schaden anzurichten.

Diese Sekundärgeschosse sind eine bekannte Begleiterscheinung bei Schusswunden. Häufig – wie auch bei Lily – sind die dadurch verursachten Verletzungen genauso schwerwiegend wie die durch die Kugel selbst.

Ein besonders scharfkantiges Stück Rippe gleitet hoch in einer sanften Parabel in Richtung auf Lilys Herzspitze. Ein anderes, breiteres und weniger stilettähnliches Bruchstück taucht ab zu ihrer Leber. Ein drittes, fast kreisrundes stoppt wenige Millimeter, bevor es ihre Milz punktiert hätte. Nadelspitzes Knochen-Spray und nicht die im Vergleich dazu stumpfe Kugel durchdringt das hauchdünne Laken von Lilys Rippenfell.

Damit hat das Geschoss ein wenig, aber noch nicht sehr viel von seinem vorwärts gerichteten Impuls, seiner kinetischen Energie, verloren. Die fünfte und die sechste Rippe haben es  beim Kontakt ein wenig aufgeschaukelt und damit sein Wedeln, sein anhaltendes Flattern verstärkt.

Eines der ballistischen Gesetze, das den Durchgang von Projektilen durch Körper beinhaltet, sagt aus: der größte Schaden entsteht weder am Eintrittspunkt noch an einem beliebigen Ort mitten auf seiner Bahn,  sondern genau an jenem Punkt, an dem das Geschoss den größten Verlust an Bewegungsenergie erfährt.

Mit anderen Worten: je mehr die bewegte Kugel beginnt zu flattern, zu wackeln und zu torkeln, desto mehr Schaden wird ihre Passage durch den Körper anrichten.

Als nächstes  schneidet die Kugel in den unteren Bereich ihres linken Lungenflügels, der einen größeren und besser zu durchquerenden Raum darstellt; weniger dicht, weniger verletzlich.

Die Kugel verlässt Lilys Lunge  zwischen der sechsten und der siebten Rippe und verletzt dabei die Zwischenrippennerven, -venen und -arterien.  Die sechste Rippe bricht nur an, die siebte wird zerschmettert und spuckt staubige Knochenteilchen in Richtung der Kugel.

Nachdem die Kugel eine ausreichende Strecke von dort aus  zurückgelegt hat, werden diese Knochenfragmente durch die Kontraktion und die Rückbewegung  des Muskelgewebes wieder nach innen gesaugt.

Zum Zeitpunkt als die Kugel Lilys Rückenmuskulatur trifft, driftet sie seitwärts. Der harsche Kontakt mit ihren hinteren Rippen hat letztendlich das Flattern in ein ausgeprägtes Taumeln verwandelt. Der Widerstand, den die Knochen leisteten, hat außerdem das vordere Ende der Kugel leicht deformiert. Die Gewebeschäden an Musculus obliquus internus abdominis, Musculus erector spinae und Musculus latissimus dorsi werden daher verstärkt.

Als nächstes geht sie durch Fett, Unterhaut, Oberhaut,  abgestorbene Hautzellen und Haare.

Weil sich Lily, in dem Moment als die Schießerei beginnt,  an den Rücken eines Metallstuhls lehnt, ist die Austrittswunde der ersten Kugel nicht so einfach, wie sie hätte sein können.

Austrittswunden sehen normalerweise aus wie Sterne, Schlitze, Kreise oder Halbmonde.

In Lilys Fall  nimmt die Wunde, wegen der Anwesenheit des Stuhlrückens,  eine Form an, die man als ausgefranst bezeichnet.

Während die Kugel seitlich aus ihrem Rücken auftaucht, dehnt sich die Haut auswärts und wird stark gegen die haltgebietende Oberfläche des Stuhls gepresst.

Dieser Druck, der auch durch den Stoff von Lilys Hemdchen und durch ihr Kleid ausgeübt wird, verwandelt ihre Austrittswunde von einer sauberen, einfachen Form in ein verschmiertes, fleischiges, gitterförmig gemustertes und  klitorisähnliches Ding.

 

7

 

„Bastard“ sagt sie.

Der Killer ist für mich zu diesem Zeitpunkt eine grelle Unschärfe am äußersten Rand meines rechten Blickfeldes.

Aber nachdem die erste Kugel durch Lily hindurch gegangen ist und den Spiegel hinter ihr zerschmettert hat, drehe ich mich nach dem Kerl um.

Lily wird gerade  von einem  Fahrradkurier umgebracht. Er trägt ein neon-grelles orangenes Radler-Top und eine hautenge Shorts und hat eine Liefertasche an seiner Seite baumeln. Er trägt einen Sturzhelm. Seine Augen verbirgt er hinter  einer verspiegelten Fahrradbrille. Mund und Nase stecken hinter einer Atemschutzmaske. Seine Waden sind sehnig und kraftvoll. Er hat ein Funksprechgerät auf seiner linken Schulter. In seiner rechten Hand hält er eine silbern-metallische Pistole mit geschwärztem Lauf.

Er wirkt wie eine Vision aus der Zukunft - eine Zukunft, in der alle nur daran interessiert sind ihre Körper fit zu halten, um mit neuen gefährlichen Technologien besser Schritt halten zu können - eine Zukunft, an der ich nicht teilhaben möchte.

Irgendwie kann ich nicht glauben, dass jemand, der sich ein grell-oranges Biker-Top anzieht, dazu fähig ist jemanden zu ermorden (oder umgekehrt).

Dieser Mann erschießt Lily nicht auf die richtige Art und Weise. Er sollte besser darin unterwiesen werden, von respektvollen Profis der alten Schule. Der Job sollte von jemanden ausgeführt werden, der einen schwarzen Anzug trägt (von ehrenwerten Onkeln in makelloser Weise geschneidert) und ein blütenweißes Hemd (von liebevollen Müttern frisch gestärkt). Dieser jemand sollte, während er an den Kellnern vorbeigeht, eine Witzelei über die Hummer machen, die hier älter werden als die Gäste. „Es ist gute Handarbeit,“ das sollte seine Einstellung sein, nicht, „Komm, wir spielen ein bisschen“ oder „Hey, wir ziehen uns jetzt `nen Burger rein“. Dieser Kerl kam aus dem Straßenverkehr und er wird zurückkehren in den Straßenverkehr. Es ist eher so, als würde man von seinem Fahrradzubehör umgebracht als von ihm selber. Dass jemand, der dieses Outfit trägt, einen anderen umbringen kann, scheint die Ernsthaftigkeit der Tat zu untergraben. Lilys Tod – ich bin sicher, sie wird sterben – verkehrt sich in einen Scherz. Er sollte abhauen, sich umziehen, dann zurückkehren sich entschuldigen und den Job ordentlich erledigen, mit aller Seriosität, die  ihm gebührt.

Als ich zu Lily zurückblicke, trifft sie die zweite Kugel.

Es ist ein Kopfschuss.

Ein Schwaden von Blut klatscht gegen  an den zerbrochenen Spiegel hinter ihr. Ihre Kopfhaut wird hochgerissen, hängt aber am Hinterkopf noch mit einem Stück Haut am Schädel fest.

Ich fange an zu kichern.

Während Lily langsam zu mir hinüber kippt, betrachte ich sie. Ich bin mir sicher, sie sieht  hinüber auf mich. Hinüber, aus ihrem Tod.

„Bastard“, sagt sie.

Lilys Kopf neigt sich weiter.  Ihre Augen verdrehen sich nach hinten in den Augenhöhlen. Wie bei einem Orgasmus. Als wäre sie eine sterbende Heilige.

Die dritte Kugel trifft sie, durchschlägt den Rand des Tisches und nistet sich in Ihrem Bauch ein.

Sie kippt vornüber.

Ich kichere und kichere und kichere und weiß nicht warum.

(Das letzte, was Lily in ihrem Leben sah, war – am wahrscheinlichsten, am allerschrecklichsten  – ich, mein Gesicht, meinen offener Mund, mein unerklärliches Kichern. Ich glaube nicht, dass ich eine passende Mimik für diesen Moment parat gehabt hätte – aber ich bin ja auch kein Schauspieler. Eigentlich sollten wir doch dazu in der Lage sein, unser eigenes Leben zu inszenieren. Nur waren für diese Szene hier keine Proben angesetzt worden – oder vielleicht doch. Möglicherweise fühlte ich mich deshalb so schlecht. Ich hatte es tausende Male geübt – in den Kinofilmen, vor einem Video. Bang)

Dann wendet sich der Killer mir zu und zielt auf mich. Er ist ungefähr drei Meter von mir entfernt.

Ich lehne mich in meinem Stuhl zurück, vergesse mich abzustoßen. Ich möchte aufstehen. Ich möchte mich verstecken.

Aber ich kann nicht. Ich verliere mein Gleichgewicht.

Die vierte Kugel - meine erste - schlittert diagonal über meinen Brustkorb und schlägt in meinen linken Arm ein.

Ich mache das üblichen Opfer-Geschrei.  

Mein Kopf schwingt nach hinten, während ich mein Gleichgewicht verliere.

Ich weiche vor dem Killer zurück.

Die fünfte Kugel fliegt an mir vorbei.

Der Killer rückt ein Stück näher.

Ich stecke nun in einer lächerlichen Situation, mein Stuhl kippt weit nach hinten, meine Füße werden von der Unterseite des Tisches abgestützt, alles fast in der Horizontale, alles fast fliegend.

Der sechste Schuss geht durch meine rechte Seite, durch meine Eingeweide.

Leute bewegen sich jetzt am Rand  meines Gesichtsfeldes.

Der Killer gibt einen Schuss in die Decke ab.

Die Leute erstarren.

Meine Augen schließen sich.

Es gibt keine weiteren Schüsse.

Ich öffne meine Augen.

Der Killer ist weg.

Ich schaue an mir runter.

Ich sehe, dass ich eine weiße Baumwollserviette in meinen Händen habe. Ich habe sie mehrfach in Hälften gefaltet.

Während ich verblute, falte ich die Serviette weiter, bis sie so fest gepackt ist, dass es nicht mehr weiter geht.

Ich schaue zur Decke und sehe Blut herunter tropfen.

Ich schaue herunter zum Tisch.

Blut. Viel Blut. Blut überall. Blut bedeckt alles. Blut fließt in Lilys Schoß zusammen. Blut in einem feinen Nebel auf dem zerschmetterten Spiegel hinter ihr. Blut, das aus ihrer Brustwunde springt, wie ein schwerer roter Frosch. Blut sickert zwischen meine Finger. Blut befleckt das fahle  Holz des Bodens. Blut in den Haaren der schreienden Frau vom Nebentisch. Blut auf dem weißen Hemd ihres verstummten Ehemanns. Blut auf unserem Essen. Blut auf Blut. Ihr Blut. Mein Blut. Mein Blut auf ihrem. Ihr Blut auf meinem. Unser Blut zusammen. Blut-in-Blut. Arterielles Blut. Venöses Blut. Tropfendes Blut und verschmiertes Blut. Fließendes Blut und stockendes Blut. Blut, das meinen Körper verlässt. Blut, das mit meinem Pulsschlag pulst. Mein Blut. Lebenssaft. Scheiß-Blut. Blutige Scheiße.

Glücklicherweise verliere ich das Bewusstsein.

Ich werde erst nach sechs Wochen wieder zu mir kommen.



Liebe LeserInnen - ihr möchtet gerne weiterlesen? Tja - leider sind die deutschen Verlage bislang noch nicht hinreichend auf diesen Autor aufmerksam geworden. Bitte postet eurer Interesse an einer deutschen Übersetzung unter diesem Link http://f5.parsimony.net/forum5557/messages/29205.htm ! Vielen Dank!