Patrick Modiano – Ein so junger Hund (Chien de printemps)

hundAus gegebenem Anlass mal wieder ein Fundstückchen aus dem Archiv:
2014 wird Patrick Modiano mit dem Nobelpreis für Literatur ausgezeichnet. Vor 10 Jahren habe ich erstmals ein Buch von ihm gelesen – das mich nicht überzeugt hatte. Ich werde es nochmal mit dem Autor versuchen, mein Lesegeschmack hat sich schließlich geändert…

Was aus der Freundin geworden war, mit der er da auf einer Parkbank fotografiert worden war, konnte der Erzähler dieser Geschichte nicht sagen; irgendwann aus seinem Leben verschwunden, so wie auch Jansen, der das Bild vor fast 30 Jahren aufgenommen hatte.

Aber Jansen hatte in seinem Leben viel stärkere Spuren hinterlassen; nach den Aufnahmen hatten sie ihn in sein Atelier begleitet, hatten die drei Koffer gesehen, in denen er seine Bilder aufbewahrte, kunterbunt und ungeordnet. Für Jansen war die Zeit gekommen, das alles hinter sich zu lassen, er wollte die Spuren tilgen, wollte einfach weggehen, aufbrechen – doch einst hatte auch er versucht, die flüchtigen Momente festzuhalten, hatte nicht nur auf den Auslöser gedrückt, sondern gewissenhaft Namen und Orte auf die Rückseite der Bilder geschrieben.

Aus einem Impuls heraus bietet der Junge an, ein Register der Bilder zu erstellen; unbezahlt, aus Interesse. So arbeitet er sich durch die Jahre, die Lebensstationen des Fotografen, der mit Auskünften über sich selbst so sparsam bleibt – vor allem, wenn es um Colette geht, Colette, die auch der Erzähler einst kannte… Weiterlesen

Jean-Philippe Blondel – Zweiundzwanzig (Et rester vivant)

blondelIch zermartere mir seit Tagen den Kopf, in welcher Literatursendung ich auf dieses Buch aufmerksam wurde. Es war jedenfalls etwas, das ich nur so nebenbei gesehen hatte – ein Mann erzählte davon, dass er im Alter von zweiundzwanzig Vollwaise war, weil er erst seine Mutter und den Bruder, dann vier Jahre später seinen Vater durch einen Autounfall verloren hatte. Mir war in Erinnerung geblieben, dass er von sich wie von einem Romanhelden sprach – und dass man einer Romanfigur solche Schicksalsschläge nicht zumuten würde, weil es keiner glauben würde.

Nun fand ich das Buch zufällig in der Onleihe, habe es kurzentschlossen ausgeliehen und auch gleich gelesen (ist ja nicht besonders umfangreich).

Zu diesem Buch gibt es auch einen Soundtrack, der eine nicht unerhebliche Rolle spielt:
Lloyd Cole – Rich https://www.youtube.com/watch?v=xEmlVhEnIpc

Der Ort, der in diesem Song besungen wird, Morro Bay, wird zum Sehnsuchtsort des Erzählers, und nachdem er die väterliche Wohnung verkauft hat, geht er kurzerhand mit seiner (Ex?)Freundin und dem besten Freund (und neuen Freund von Laure) auf eine Reise nach Kalifornien. Weiterlesen

Robert Seethaler – Ein ganzes Leben

seethalerSeethaler erzählt in diesem schmalen Band vom Leben eines wortkargen Mannes, der sein Leben in den Bergen verbringt.
Er ist das ungeliebte Ziehkind auf dem Bauernhof, auf dem er aufwächst – eines Morgens im Alter von vier Jahren von der Stadt aufs Land gebracht worden, die Mutter war in der Stadt auf Abwege geraten und hatte ihrem Bruder das Kind, mit ein paar Silberlingen als Versüßung, überlassen.

Es folgt, was man eigentlich schon erwartet. Harte Kindheit, viel Arbeit, keine Liebe, dafür häufige Züchtigung – die so weit geht, dass dem Kind bei einer der Prügelarien das Bein so schlim gebrochen wird, dass er nie mehr ohne Humpeln laufen kann.

Doch natürlich wird aus ihm ein großer, starker Mann, trotz dieser Einschränkung, der ausgesprochen arbeitsam ist und alles stoisch erträgt. Bis er dann auf Marie trifft. Hier will er dann erstmals mehr aus sich machen, denn einer Frau muss man etwas bieten. Er heuert also bei der Firma an, die eine Seilbahn auf den Berg bauen will, arbeitet auch dort natürlich fabelhaft, und eines Tages ist es soweit, dass er seiner Marie einen Antrag macht, und zwar einen ausgesprochen romantischen – mit petroleumgetränkten Säcken, die die Kollegen auf dem Berg entzünden, schreibt er seine Liebe zu ihr geradezu in die Landschaft. Weiterlesen

Michael Köhlmeier – Zwei Herren am Strand

Köhlmeier Zwei Herren am StrandEigentlich hatte ich erwartet, dass ich mit diesem Buch gar nichts falsch machen kann. Ein Autor, den ich seit vielen Jahren sehr schätze und mag. Ein Thema, das ich kenne und das mich fasziniert (Depressionen und ihr Umgang damit). Ein bisschen Zeitgeschichte. Dazu zwei bekannte Persönlichkeiten, die ich zumindest bislang in keinen Zusammenhang zueinander gebracht hätte – Charlie Chaplin und Sir Winston Churchill.

Zu meinem großen Bedauern empfand ich die Leküre aber nicht als Vergnügen, sondern zähe Arbeit. Weiterlesen

M.C. Beaton – Agatha Raisin und der tote Tierarzt (Agatha Raisin and the Vicious Vet)

RaisinTierarztAuch wenn ich diesen zweiten (für mich in der Lesereihenfolge dritten) Band um die verschrobene Agatha Raisin wieder gerne gelesen habe, nervt mich die Infantilisierung einer eigentlich interessanten Hauptfigur doch. Da wird aus einer gestandenen Geschäftsfrau ein kicherndes Girlie, nur weil ein halbwegs passabler Mann in der Nachbarschaft rumläuft – und plötzlich hat sie nichts weiteres mehr im Kopf, als sich diesen Mann zu angeln, die Aufklärung des Mordfalls ist bloß Mittel zum Zweck, um mit “IHM” zusammen zu sein… das ist schade, denn darüber kommt vor allem in diesem Band die Schilderung der kauzigen Dorfgemeinschaft ein wenig zu kurz.
Für mich sind diese Krimis nette kleine Zwischendurch-Happen. Daran habe ich keine allzugroße Anspruchserwartung. Aber dieses bisschen hätte ich dann doch gerne erfüllt…

Martin Olczak – Die Akademiemorde (Akademimorden)

akademieKommentar in aller Kürze:
Fängt interessant an, eine nette Geschichte rund um Literatur und Morde. Die Mitglieder der schwedischen Akademie, die jährlich den Nobelpreis für Literatur beginnt, werden der Reihe nach unter seltsamen Umständen getötet, und das Motiv dafür ist, soviel darf man glaube ich verraten, in der Literatur versteckt. Kein Wunder also, dass die Ermittler in Claudia Rodrigez einen Antiquar zu Rate zieht.
Aber die wird rasch aus dem Fall ausgeschlossen (Die Begründung dafür war das erste wirklich große Ärgernis) und ermittelt dann auf eigene Faust weiter.
Im Gegensatz zur Polizei erschließen sich ihnen die Zusammenhänge natürlich sofort…
Was auf dem ersten 100 Seiten noch nach netter, kurzweiliger, wenn auch nicht besonders anspruchsvoller Lektüre aussah, hat mich im weiteren Verlauf des Buches zunehmend geärgert. Ein Krimi muss schon sehr gut geschrieben sein, damit ich Logik und Wahrscheinlichkeit komplett ausschalten kann. Und das war dieses Buch leider nicht. Sprachlich simpel, voller Wiederholungen… nach den enthusiastischen Kritiken hatte ich mir deutlich mehr erwartet

Klappentext: Stockholm, im Mai: Im weltberühmten Hotel Berns Salonger hat man gerade Strindbergs 100. Todestag begangen. Die Festrede hielt der Ständige Sekretär der Schwedischen Akademie, ein würdiger Mann und ebenfalls angesehener Schriftsteller. Jetzt kurz vor Mitternacht ist er auf dem Weg nach Hause, durch einen abgeschiedenen Park. Hier trifft es ihn unvermittelt, das Schicksal. Hier wird er ermordet. Tatwaffe ist ein altertümlicher Schwarzpulverrevolver, der die Polizei vor Rätsel stellt. Noch bevor sie sich für eine Ermittlungsrichtung entscheiden kann, geschehen am nächsten Tag vier weitere, ebenso schonungslose Morde. Die Opfer: ebenfalls Mitglieder der Akademie, die für die Auslobung des jährlichen Literaturnobelpreisträgers verantwortlich ist. Was treibt den Mörder um? Klar ist, dass die anderen Akademiemitglieder geschützt werden müssen. Klar ist auch, dass hier konventionelle Methoden nicht weiterhelfen. Claudia Rodriguez von der Zentralen Mordkomission ermittelt auf eigene Faust – und gegen den Willen ihrer Vorgesetzten. Statt dessen bittet sie ihren alten Freund Leo Dorfman um Hilfe, einen Buchantiquar …

Michele Serra – Die Liegenden (Gli Sdradiati)

wpid-img_20140616_140010.jpgKurze Lesenotiz:

Der Autor Michele Serra, der mit seiner Familie (Frau, Tochter, drei Söhne) in Mailand lebt, ist in Italien vor allem für seine Kolumnen bekannt, die in La Repubblica und L’Espresso erscheinen.

In “Die Liegenden“ schreibt er von einem Vater und dessen achtzehnjährigen Sohn und die Art ihres Zusammenlebens und ihrer Kommunikation (keiner). Dazu spricht ein “ich“ fortwährend den Sohn, das “du“, an. In teils philosophischen, teils maßlos überzeichneten Passagen erzählt es davon, wie schwierig es sich gestaltet, Kontakt zueinander zu finden. Weiterlesen

Taye Selasi – Diese Dinge geschehen nicht einfach so (Ghana must go)

salesiDer Klappentext sagt: Die literarische Sensation aus Amerika – ein kosmopolitischer Familienroman: In Boston, London und Ghana sind sie zu Hause, Olu, Sadie und Taiwo. Sechs Menschen, eine Familie, über Weltstädte und Kontinente zerstreut. In Afrika haben sie ihre Wurzeln und überall auf der Welt ihr Leben. Bis plötzlich der Vater in Afrika stirbt. Nach vielen Jahren sehen sie sich wieder und machen eine überraschende Entdeckung. Und sie finden das verloren geglaubte Glück – den Zusammenhalt der Familie. Endlich verstehen sie, dass die Dinge nicht einfach ohne Grund geschehen. So wurde noch kein Familienroman erzählt. Taiye Selasi ist die neue internationale Stimme – jenseits von Afrika.

Meine Meinung dazu: Wurde mir im Laufe des Buches zu… glatt. Jedes Teilchen fiel auf seinen Platz, alle Probleme konnten gelöst werden, jedes der Geschwister hatte eigentlich ein sehr ähnliches Problem (Platz in der Familie, Minderwertigkeitsgefühle, Eifersucht auf die Geschwister) – abgesehen von dem ganz großen Thema, dass jeder für sich noch hatte. Die Kinder waren mir insgesamt einfach nicht interessant genug – und ironischer Weise liegt das vor allem daran, dass sie als so “besonders“ herausgestellt werden. Die Figur, die ich wirklich in ihrer Widersprüchlichkeit faszinierend fand war Kweku.
Insofern lag mir der erste Teil des Romans, der ihn im Zentrum hatte, sehr viel mehr. Irgendwie schade – ich habe das Gefühl, hier wurde etwas verschenkt.

Dieser Link führt zu einigen Zitaten, die mich im Laufe der Lektüre beschäftigt haben: Zitate

M.C. Beaton – Agatha Raisin und die tote Gärtnerin (Agatha Raisin and the Potted Gardener

raisinAgatha Raisin fasst es nicht: Kaum kehrt sie ihrem Cotswolds-Cottage mal den Rücken, da bandelt ihr attraktiver Nachbar James schon mit einer anderen Frau an. Mary Fortune heißt das blutjunge Ding, das leidenschaftlich gern gärtnert – ganz im Gegensatz zu Agatha. Trotzdem ist diese sich sicher, die unliebsame Konkurrentin in der bevorstehenden Gartenschau zu übertrumpfen. Doch dazu kommt es erst gar nicht, denn ausgerechnet Agatha stolpert eines Nachts über Marys Leiche – und die steckt kopfüber in einem Blumenkübel…

 Dieser Krimi hat etwas von einer seichten Fernsehschnulze – und hat mir trotzdem (oder genau deswegen?) Spaß gemacht.

Elizabeth Gaskell – Lizzie Leigh

lizzieDiese Erzählung beginnt am Sterbebett des Familienoberhaupts. Ich vergebe ihr – damit verabschiedet er sich. Es war der größte Wunsch seiner Frau, dies noch von ihm zu hören. Nun, da die sich mit noch den Kindern verpflichtet fühlt, kann die Mutter endlich tun, was ihr schon lange am Herzen liegt: nach ihrer Tochter Lizzie suchen, eben jener, der nun endlich vergeben wurde. Man ahnt es schon, was es ist, was die so sehr in Ungnade hat fallen lassen: sie hat ein Kind bekommen.

Wie nun dieses Kind ins Spiel kommt, eine weitere Liebesgeschichte sich entwickelt, großer Kummer über die Familie kommt und am Ende doch so etwas wie Friede und Glück auf die Beteiligten wartet, liest sich auf gewohnt etwas umständlich, im schönsten Sonne altmodische Weise.