Marc Elsberg – Zero

zeroNachdem ich von “Blackout” trotz einiger Mängel (eher flache Charaktere, schlichte Sprache) sehr angetan war, war ich natürlich auch auf das neueste Werk von Elsberg gespannt.

Diesmal erzählt er davon, was mit all den Daten, die wir den Datenkraken jeden Tag bereitwillig überlassen, geschehen kann. Dazu lässt er eine engagierte, aufrechte Journalistin, die allerdings wenig Ahnung von der digitalen Welt hat, auf die Suche nach “Zero” gehen, einer Untergrundorganisation, der es gelungen ist, Drohnen zum amerikanischen Präsidenten einzuschleusen und so zu zeigen, wie wenig die Sicherheit heute noch gewährleistet werden kann.

Der Ansatz ist also durchaus interessant, auch einige der Gedankenexperimente (die nicht so weit hergeholt sind, vieles davon ist in mehr oder weniger ausgeprägter Form schon Standard). Aber es ist so hanebüchern umgesetzt… der Plot knirscht und kracht an allen Ecken und Enden, gerade gegen Ende hin wird fast ausschließlich auf diverse Verfolgungsjagden gesetzt, wobei der psychologische Aspekt der Handlung völlig auf der Strecke bleibt (und damit auch die Logik).

Nein – das geht besser.

Thomas Hettche – Pfaueninsel

PfaueninselSie liegt wie ein Relikt aus vergangener Zeit im Wannsee – die Pfaueninsel. Erst war sie vor allem ein Liebesnest, doch dann gab es eine durchaus wechselvolle Geschichte der Nutzung. Von der landwirtschaftlichen Bereitstellung von Obst und Gemüse das ganze Jahr über hin zum Vorläufer des Berliner Zoologischen Gartens mit der Menagerie und der Sammlung von Menschen, die aus der Norm fallen und ebenfalls dort mehr oder weniger ausgestellt wurden.

Hettche erzählt hier das fiktive Schicksal des kleinwüchsigen Schlossfräuleins Maria Dorothea Strakon. Dieses Schlossfräulein hat tatsächlich auf der Pfaueninsel gelebt – aber außer, dass sie 80 Jahre alt wurde, ist kaum etwas über sie bekannt.

Das Schicksal, das Hettche ihr hier andichtet, ist also fiktiv. Und da kommen wir schon zum Hauptgrund meines Unbehagens.

Es ist bei Romanen, die in der Vergangenheit spielen und historische Persönlichkeiten mit einbinden klar, dass nicht alles, was hier erzählt wird, der Realität entspricht. Hier tauchen naturgemäß sehr viele Personen auf, die wir alle aus der Geschichte kennen; im großen und ganzen wurde auch, soweit ich das beurteilen kann, darauf geachtet, dass die Fiktion nicht zu weit von der Realität abwich.

Aber hier wird ein ganzes Leben mit ganz schön grotesken Verwicklungen erfunden für einen Menschen, den es tatsächlich gab. Und das hat mich beim Lesen durchaus gestört.

Ich habe sehr gerne über die Pfaueninsel und ihre Gestaltung gelesen, über die unterschiedliche Nutzung und all das, was das auch über die entsprechende Zeit verrät. Als Rückblick auf die Zeitgeschichte hat mir diese leicht distanzierte Betrachtungsweise – auf der Insel erlebt man die Zeitenwechsel nur am Rande, man ist nicht mittendrin, das war wunderschön gelöst – ausgezeichnet gefallen.

Aber mit der eigentlichen Handlung, der Geschichte des Schlossfräuleins, mochte ich mich so gar nicht anfreunden. Ich kam beim Lesen nie an den Punkt, dass ich das Gelesene als ihre Geschichte widerspruchslos hingenommen hätte, stets war da der Gedanke im Hinterkopf, dass ich sehr viel davon – vor allem die überreichlichen Sexszenen – einfach als übertrieben und ins Groteske gesteigert empfand.

Daher bleibt bei mir ein ambivalentes Gefühl zurück – und natürlich der Wunsch, doch im nächsten Sommer mal wieder zur Pfaueninsel rauszufahren.

Daniel Glattauer – Geschenkt

glattauerUnd plötzlich ist man Vater eines Sohnes. Eines vierzehnjährigen Sohnes. Der nichts davon wissen soll, dass er der Sohn ist – aber weil die Kindsmutter für ein Jahr nach Afrika geht um dort die Welt ein bisschen besser zu machen, braucht sie kurzfristig jemanden, der das gar nicht mehr so kleine Kind nachmittags unter seine Fittiche nimmt.

Für Gerold Plassek erweist sich diese Wendung als schicksalshaft. Er, der jeden Abend mit zweifelhaften Freunden in der Bar versumpft, der in seinem Leben nichts auf die Reihe kriegt und seit seiner Scheidung nur durch Ex-Schwiegervaters Gnaden in einer Gratiszeitung für die Kurzmeldungen in der Rubrik “Soziales” zuständig ist, wird plötzlich ein wenig aus seiner Komfortzone gerissen.

Aber mehr noch als diese Begegnung ist es ein anderer Umstand, der zu Neuerungen führt. Ein Wohltäter hat sich eine seiner Meldungen ausgesucht, um einen Umschlag mit Bargeld einer der Einrichtungen zukommen zu lassen, über die er berichtet hatte.

Die Geschenke wiederholen sich. Stets wird eine Meldung von Plassek verwendet – und der Spender will anonym bleiben. In Plassek werden längst verschüttet geglaubte moralische Prinzipien wieder zum Leben erweckt – und Stück für Stück bröckelt das alte Leben weg und wie Phönix aus der Asche erschafft er sich selbst neu. Weiterlesen

Jean-Philippe Blondel – 6 Uhr 41 (06h41)

blondel2Zwei Menschen begegnen sich im Zug. Es ist nicht ihre erste Begegnung – sie kannten einander schon früher, in ihrer Jugend, ja, sie waren sogar einmal fast so etwas wie ein Paar. Bis zu diesem Ausflug nach London…

Und nun sitzen sie nebeneinander, haben noch nicht zu erkennen gegeben, dass sie sich sofort erkannt haben. Jeder hängt für sich seinen Gedanken nach, und ich als Leserin musste mir dann jeweils in erster Person Präsens durchlesen, was für Banalitäten an Gedanken da durch ihr Gehirn waberten.

Die eigentliche Spannung, die der Handlungsaufbau hätte bieten können, wurde durch diese ausgesprochen simple Sprache und den Mangel an psychologischem Feingefühl für mich leider kaputtgemacht. Schade!

Patrick Modiano – Der Horizont (L´Horizon)

Modiano_23951_MR.inddNach dem “Cafe der verlorenen Jugend” noch eine “letzte Chance”, die der diesjährige Literaturnobelpreisträger von mir erhielt. Und in gewisser Weise hat mich dieses Buch auch wieder mit ihm versöhnt.

Im Mittelpunkt steht hier eine junge Frau; der Erzähler hatte sie eines Tages zufällig auf der Straße kennen (und später lieben) gelernt; sie ist geprägt von Angst, Angst vor einem Mann, dessen Auftauchen sie immer und an jeder Stelle befürchtet.

Es dauert lange, bis man erfährt, wer dieser Mann überhaupt ist, woher sie ihn kennt und was bisher geschah; bis dahin ist es die Geschichte einer Frau, die immer wieder alle Zelte hinter sich abbricht und komplett neu anfängt.

Zuletzt tut sie das in Berlin… ausführlich wird hier beschrieben, welchen Weg der Erzähler vom Prenzlauer Berg nach Kreuzberg unternimmt, wo sie eine Buchhandlung betreibt. Doch gerade, weil hier einerseits so akkurat beschreiben wird, dass sogar die Postleitzahl und die Anfangsziffern der Telefonnummer passen, ist die Verwechslung der beiden Stadtbezirke mir darum umso negativer aufgefallen.

Auch wenn ich dieses schmale Büchlein deutlich lieber gelesen habe als meinen letzten Modiano-Versuch: eines ist jetzt noch deutlicher als vorher. Der Autor liegt mir einfach nicht.

Ein Versuch: Oliver Tidy – Dover (Rope Enough). übersetzt von mir…

Dover   Ganz ehrlich: eigentlich hatte ich noch nicht vor, “aller Welt“ von diesem Buch zu erzählen. Nur ein paar Freunde sollten davon erfahren, um es schon mal lesen zu können und mir ihre Meinung dazu sagen zu können. Daher sollten sie an diesem Wochenende die Möglichkeit haben, es kostenlos als eBook zu erwerben.

Womit der Autor dieses Krimis und ich allerdings nicht gerechnet hatten: dass ganz ohne Werbung (abgesehen von einem Blogeintrag bei Oliver und meiner Mail an eine gute Handvoll Freunde und Bekannte) so viele Menschen auf das Buch aufmerksam werden würden und es ebenfalls gratis erwerben. Aktuell: Platz 18 bei den kostenlosen Ebooks!

Ach so, warum mich das Ganze so nervös macht: ich habe dieses Buch ins Deutsche übersetzt! Und nun kann ich nur hoffen, dass ich meine Sache gut genug gemacht habe…..

Jedenfalls, wenn ihr es ausprobieren wollt, dann nur zu! Bis Sonntag ist es noch kostenlos zu haben, und auch danach kostet es kein Vermögen, sondern €2,99.

Ich will hier niemandem das Blaue vom Himmel versprechen. Es ist ein netter, solider Krimi, der mir im Original gut genug gefallen hatte, so dass ich ihn gerne übersetzen wollte. Und weil das dank der neuen Möglichkeiten im Selfpublishermarkt recht unkompliziert geht, habe ich den Sprung ins kalte Wasser gewagt.

Nun heißt es hoffen, dass es nicht zuuuuu kalt ist und die Kritik mich nicht allzu unsanft auf den Boden zurückholt. Jetzt fehlt eigentlich nur noch eines: der Link.

Patrick Modiano – Im Café der verlorenen Jugend (Dans le café de la jeunesse perdue)

modianoEs gab nur wenige Passagen in diesem (ohnehin recht dünnen) Bändchen des aktuellen Literaturnobelpreisträgers, bei denen ich das Gefühl hatte, nicht nur irgendwelche mehr oder weniger zusammenhängende Worte zu lesen, ohne daraus wirklich etwas entnehmen zu können.

Es geht um eine junge Frau, die aus verschiedenen Perspektiven geschildert wird; getroffen hat man sich in einem Cafe, sie war Stammgast, jeder kannte sie – und doch auch wieder nicht.

Der kurze Teil, in dem ihre Kindheit und Jugend am Montparnasse erzählt wird haben mich dabei noch am ehesten interessiert.

Ich weiß nicht, woran es lag – dass ich diese Zeit nicht miterlebt habe, dass ich Paris so gut wie gar nicht kenne, dass mir diese Art des Lebens so völlig fremd ist – jedenfalls fand ich von Anfang an keinen Zugang. Ein gewisses Unverständnis bleibt mir daher auch, wofür konkret der Literaturnobelpreis bei diesem Autor denn nun verliehen wurde – aber dieses Rätsel werden wir wohl ohnehin nie lösen können. Da wäre mir ja beinahe noch Murakami als Preisträger lieber gewesen…

Fjodor Dostojewski – Erniedrigte und Beleidigte

erniedrigteFür mich ist Dostojewski der Vorreiter der ausgeprägten Darstellung von psychischen Verwicklungen in Romanen. “Erniedrigte und Beleidigte” zählt zu seinen frühen Werken, entsprechend hat mir dieses Element darin ein wenig gefehlt.

Ein rechtschaffener Mann, glücklich verheiratet, eine Tochter, wird eines Tages als Verwalter für das Anwesen eines Fürsten bestellt. Er kümmert sich hervorragend darum – und doch wird ihm eines Tages vorgeworfen, er hätte Misswirtschaft betrieben, ja, sich sogar bereichert. Außerdem hätte er versucht, seine Tochter mit dem Sohn des Fürsten zu verbandeln. Nun gibt es tatsächlich eine Annäherung zwischen Tochter und Sohn – doch nicht mit Billigung des Vaters.

Die Kinder reißen aus, ziehen zusammen – ein unerhörter Skandal. Eine Schande vor allem für den Vater des jungen Mädchens, der sich nun mit einer Klage konfrontiert sieht, die ihn ins Armenhaus bringen kann. Der Fürst hingegen manipuliert, wo er nur kann. Und die Tochter? Geht sehenden Auges in ihr Verderben. Denn natürlich weiß sie, dass der Sohn des Fürsten ein verweichlichter Taugenichts ist, der das Glücksspiel und andere Frauen liebt. Er ist nicht treu, nicht zuverlässig, und doch kann sie von ihm nicht lassen.

Ihr zur Seite gestellt ist ein junger Mann, der sie von Herzen liebt und verehrt. Er erzählt uns die Geschehnisse der Handlung auch. Und so haben wir also unser Liebesdreieck, mit allen Komplikationen, mit denen so etwas eben einhergeht. Das ist aus heutiger Sicht für mich oft fürchterlich dick aufgetragen. An die jüngeren, reiferen Werke kommt dieses hier meiner Meinung nach nicht heran.

Tana French – Sterbenskalt (Faithfull Place. Dublin Murder Squad 3)

french3Und weiter ging es – diesmal mit Frank, der im vorigen Band vorgestellt wurde und Cassies Vorgesetzter bei der Undercoverarbeit war.

Frank wird von seiner Vergangenheit eingeholt. Er hat vor 20 Jahren schon komplett mit seiner Familie gebrochen; nun ja. Nicht ganz komplett. Zu einer seiner Schwestern hält er noch losen Kontakt – und die ruft ihn nun auch an, ausgerechnet an einem der Wochenenden, an denen er seine Tochter Holly nach der Scheidung noch sehen darf. Ein Koffer war gefunden worden – der Koffer von Rosie, mit der Frank damals vor 20 Jahren eigentlich durchbrennen wollte. Eine ganze Nacht lang hatte er damals auf sie gewartet und war dann alleine auf die Fähre nach England gegangen. Ein ganzes Leben lang war er davon ausgegangen, dass sie es sich anders überlegt hatte. Und nun wurde beim Abriss eines alten Hauses ihr Leichnam gefunden…

Diesmal geht die REise zurück in ein Dublin, das von Armut und strengen Regeln bestimmt war. Während Frank versucht herauszufinden, was damals wirklich geschah  (und ich als Leserin nach etwa 80 Seiten einen Verdacht hatte, der sich dann auch bestätigte) wurde eine ganze Zeit für mich beim Lesen lebendig.

Was Familie ausmacht, welche Fehler der Vergangenheit sich im Heute noch immer auswirken, vor allem, wenn niemals darüber gesprochen wird – das sind die Themen, auf denen dieses Buch aufgebaut ist. Ja, es ist ein Krimi, und natürlich will man danach auch wissen, wer es war und warum. Aber vor allem interessiert mich an dieser Art der Literatur die Möglichkeit, meiner Realität für eine kleine Weile zu entfliehen. Mit diesem Buch ist es mir auf jeden Fall gelungen. Schade finde ich nur, dass ich nicht unmittelbar mit Band 4 und 5 fortfahren konnte ;-)

Tana French – Totengleich (The Likeness. Dublin Murder Squad 2)

french2Nach “Grabesgrün” griff ich also gleich zum nächsten Band der Reihe. Tja… und war erstmal insgeheim ein wenig enttäuscht, dass eine der beiden Hauptfiguren des ersten Teils hier nur noch als unwichtige Randnotiz erscheint.
Doch bald schon war das vergessen – und man kann daher getrost jedem Leser empfehlen: egal, welches Buch du in welcher Reihenfolge liest, sie sind wirklich in sich abgeschlossen.

Hier steht nun also Cassie im Mittelpunkt; nach dem Abschluss des letzten Falls haben sich ihre und Robs Wege getrennt. Dafür ist sie nun mit Sam liiert und hat sich an eine Stelle versetzen lassen, die sie nicht an ihre persönlichen Grenzen bringt. Bis Frank auftaucht und sie um Hilfe bittet…

Denn davor war Cassie als Undercover-Agentin eingesetzt gewesen. Und die Person, deren Rolle sie damals mit Frank gemeinsam erfunden hatte, war nun tot aufgefunden worden – eine Frau, die exakt so aussieht wie sie.

Sie willigt ein, in die Rolle der Toten zu schlüpfen, um von innen heraus den Mörder zu finden.

Was unglaubwürdig klingt, wenn man nur die Beschreibung liest – wie kann ein Mensch die Rolle eines anderen übernehmen und mit den Menschen zusammenleben, ohne dass diese es merken? wurde hier so gut umgesetzt, dass man es richtig plastisch vor sich sehen konnte.

Die Welt, die French hier beschreibt, ist ein Kosmos für sich – und diese versponnenen Zusammenhänge, die psychischen Abhängigkeiten einer Gruppe Menschen voneinander, boten mir als Leserin wunderbares Lesevergnügen.

Und immer noch hoffe ich, dass ich Rob und Cassie in einem der nächsten Bände noch einmal erleben darf…